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Kirchenzeitung der Diözese Linz, 5. Oktober 1995 Abkehr von GewaltBraunauer Zeitgeschichte Tage. Not-wendiger Verrat: Der Fall JägerstätterLudwig Baumann wirkt nicht verbittert. Eher ruhig und jedenfalls ganz davon überzeugt, daß Gewalt absolut kein Mittel der Politik (mehr) sein kann. Emotional wird Baumann erst, als ein Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten mehrfach die Behauptung in den Raum stellt: Pazifismus sei gleich Feigheit. Das kann er nur persönlich nehmen und empört sein. Dies zu behaupten sei "eine dreiste Dummheit". Die Meinungen deckten ein breites Spektrum ab bei den 4. Braunauer Zeitgeschichte Tagen vom 22. bis 24. September, die unter dem Thema "Not-wendiger Verrat" standen und sich intensiv mit der Person Franz Jägerstätter auseinandersetzten (siehe KiZ Nr. 38, Seite 31) - nicht nur wenn es um den Begriff "Pazifismus" ging. Der 73jährige Ludwig Baumann ist Vorsitzender der "Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz" in der Bundesrepublik Deutschland. Als einer der wenigen Überlebenden ehemaligen Deserteure aus der Deutschen Wehrmacht kämpft er längst nicht nur mehr um seine eigene Rehabilitierung. Von mindestens 30 000 Todesurteilen gegen Deserteure und sogenannte Wehrkraftzersetzer wurden 20 000 vollstreckt. Die meisten anderen Verurteilten kamen in Konzentrations- oder Straflagern um. Die wenigen hundert Überlebenden - unter ihnen Baumann - gelten noch immer als vorbestraft. Die Urteile der NS-Militärgerichte wurden nie aufgehoben. Auch sei sein Leidensweg kein Grund für eine laufende Beihilfe nach den Härtefallrichtlinien für NS-Opfer: Sein Todesurteil sei ja in eine zwölfjährige Haftstrafe umgewandelt worden, und die sei "nicht besonders hart und übermäßig" beschied ihm die Behörde 1992. Friede nur durch GerechtigkeitBaumann erzählt dies alles ohne Verbitterung. Er scheint sein Leben längst wieder in die Hand bekommen zu haben. Wenn er sich heute in der Friedensbewegung engagiert, dann nicht weil er aus der Welt geflüchtet ist, sondern weil er weiß, daß die Demokratie "verteidigungswürdig" ist. Und aus der Überzeugung, "daß Friede nur auf dem Weg zu einer weltweiten Gerechtigkeit zu haben" sei, müßten demokratische Gesellschaften sich fragen lassen, was sie - über die Demokratie hinaus - "sonst noch alles verteidigen". Es werde, so Baumann, oft nicht wahrgenommen, daß wir "Nutznießer einer Welt- und Wirtschaftsordnung sind, die jeden Tag Menschenleben vernichtet". Pazifismus, so stellt auch der Bamberger Kirchenhistoriker Georg Denzler schließlich klar, habe mit Blauäugigkeit, Naivität und auch mit Feigheit gar nichts zu tun. Pazifismus sei, "die theoretische und praktische Bestrebung, das internationale Gewaltsystem durch ein internationales Rechtssystem zu überwinden". Daß ein Konflikt, aber auch ein Kampf gegen ein Unrechtssystem auch mit gewaltfreien Mitteln zu führen sei, wie der Pazifist Klaus Heidegger immer wieder betonte, ist wohl schwer zu begreifen für die, die nur in militärischen Kategorien denken. Auf Franz Jägerstätter, den Kriegsdienstverweigerer in der Deutschen Wehrmacht, der seine Gewissensentscheidung mit dem Leben bezahlte, auf Franz Jägerstätter als Vorbild und Leitfigur will keine der in Braunau vertretenen Geistesrichtungen verzichten. Die einen sehen in ihm einen Soldaten, der wohl bereit gewesen wäre, für "eine gerechte Sache" seine Pflicht zu tun, der bloß den Waffendienst in einem verbrecherischen Vernichtungskrieg verweigerte. Die anderen sehen ihn aufgrund seiner gewaltfreien Spiritualität in der pazifistischen Tradition der frühen Kirche verwurzelt. Maria Hauer |
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