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Der Standard 17. April 2004Mein
Name, sein Name, unser Name Wer die Wahrheit sucht und gleichzeitig deren Konsequenzen fürchtet, riskiert, dass es ihn - oder sie - innerlich zerreißt. Zumal dann, wenn der Wunsch nach Durchblick von einem familiären Tabu sabotiert wird, das auch Jahrzehnte nach den auslösenden Ereignissen wie ein Eisberg mit dem freien Auge nur zum Teil sichtbar ist. Das jene, die es brechen, immer noch unter Verratsverdacht stellt. Und so schleicht sich Claudia Brunner, damals 29, im März 2001 in Paris "wie eine Angeklagte" zur Gerichtsverhandlung gegen ihren Großonkel. In den Verhandlungssaal, in dem kein Angeklagter sitzt, weil Alois Brunner, der nationalsozialistische Massenmörder, auch 56 Jahre nach Kriegsende in Syrien untergetaucht bleibt - wenn er dort nicht schon gestorben ist. Stiehlt sich vorbei an einer Gruppe Demonstranten, die ein Transparent angebracht haben "auf dem mein Name steht. Sein Name. Unser Name. BRUNNER." Drinnen, am Ort
der Rechtssprechung, zittert sie vor den Medienleuten, "die hier
stehen wie Tiger bei der Raubtierfütterung". Ist während
der Verlesung von 345 Namen von Opfern des Judenverfolgers, der für
den Tod von 130.000 Menschen verantwortlich war, tief erschüttert,
gibt dem ORF für die Abendnachrichten trotzdem ein Interview. Ist
nachher "völlig erschöpft" - und natürlich
trotzdem nicht darauf gefasst, sich zwei Wochen später in der Intensivstation
eines Pariser Krankenhauses wiederzufinden: mit Meningitis, viraler
Gehirnhautentzündung. Es dürfte sich um persönliche Eigenschaften ebenso wie um allgemein-gesellschaftliche Dynamiken handeln: Die Anstrengung, die dicke Mauer des Schweigens über einen nationalsozialistischen Mörder zu brechen, potenziert durch eine gewissen Tendenz zur Unbarmherzigkeit gegen sich selbst. Wobei - das wird beim Lesen der Texte in dem vorliegenden Buch klar - in dieser "dritten Generation" das Persönliche weit in den Vordergrund gerückt ist. Nicht politische Konsequenzen wie die Aktiven aus ihrer Elterngeneration nämlich fordern Claudia Brunner und Mitautor Uwe von Seltmann, der über seinen Großvater schreibt, der an der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstands beteiligt war. Sondern sie erzählen, wie es zu ihrer Auseinandersetzung kam. Von Verwandten, die nichts Genaues über die Altvorderen zu wissen wünschen, von deren schweigenden Dörfern, von den Schwierigkeiten jener Familienangehörigen, die es schon vor ihnen - und von Angehörigen, die die Wahrheit schon vor 15, 20 Jahren hatten erfahren wollen. Im Jahr 1985, schildert Claudia Brunner, habe sich ihr Vater mit dem Nazi-Onkel in Kontakt gesetzt. Aus Anlass eines familiären Todesfalls - doch von dem Wunsch bestimmt, "zu verstehen". Die Briefe, an eine im Stern erwähnte Deckadresse geschickt, seien prompt beantwortet worden, Alois Brunner habe sich in ihnen eindeutig als Hitleranhänger deklariert. Bis zum Schreiben des vorliegendes Buch, so Claudia Brunner, habe sie über diesen Briefverkehr niemandem etwas erzählt - so wie sich die gesamte Familie untereinander zum Stillschweigen verpflichtet habe: "Allein die Vorstellung, der 130.000-fache Täter könnte durch eine Lücke in der familiären Geheimnisbastion ausgeliefert werden, mobilisierte Ängste und Kräfte." [] Claudia Brunner / Uwe von Seltmann, Schweigen die Täter, reden die Enkel, €19,90 /191 Seiten. Büchergilde, Frankfurt am Main 2004. |
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