Braunauer Rundschau, 1. Juli 1999, Hermine Aigner

Zeitgeschichte-Tage suchen einen Weg aus dem Haß

Albaner, Serben, Bosnier treffen sich in Braunau zum Erfahrungsaustausch

BRAUNAU. Die Konflikte auf dem Balkan haben die Organisatoren der "Braunauer Zeitgeschichte-Tage" veranlaßt, die nächste Tagung diesem Thema zu widmen. Unter dem Titel "Notwendige Begegnungen" sollen Gespräche zwischen Bosniern, Kroaten, Albanern und Serben stattfinden und damit ein Beitrag zur Versöhnung geleistet werden. Das ursprünglich geplante Thema "Versteinerte Ideologien" wurde auf eine späteren Zeitpunkt verschoben.

Eines der wissenschaftlichen Referate wird wahrscheinlich Tilman Zülch von der Gesellschaft für bedrohte Völker übernehmen. Er beschäftigt sich mit "Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert" und stützt sich dabei nicht nur auf Forschungs- erbegnisse, sondern auch auf langjährige Erfahrung mit dem Thema.

Die Tagung soll nicht nur historische und politische Erklärungen liefern, sondern auch aufzeigen, welche Wege es aus dem gegenseitigen Haß gibt. "Heute scheint eine Versöhnung zwischen Kosovo-Albanern udn Serben undenkbar. Gerne würden wir in Braunau einen kleinen Beitrag dazu leisten, diese Versöhnung denkbar werden zu lassen", so Maislinger.

Die 8. Braunauer Zeitgeschichte-Tage finden von 24. bis 26. September statt.

3 Fragen an Dr. Andreas Maislinger
Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage

Die nächsten Zeitgeschichte-Tage sollten sich mit Architektur beschäftigen. Warum jetzt der Balkan-Konflikt?
Es ist uns bei der Planung immer klarer geworden, daß wir dieser Frage nicht ausweichen sollten. Es ist noch niemand drauf gekommen, daß man Begegnungen organisieren könnte und sich nicht nur über den Konflikt udn das Leid dort unten beklagt. In "Notwendigen Begegnungen" - und das ist durchaus eine An- spielung auf die Jägerstätter-Tagung - geht es um Vesöhnung nach längjährigen, blutigen Konflikten.

Wird der Kosovo-Konflikt bis Herbst nicht an Brisanz verlieren?
Wenn wir einer Aktualität nachlaufen wollten, müßten wir aufh der Ebene der Talkshows arbeiten. Es geht uns aber um die historische Aufarbeitung. Der Friedensprozeß im Kosovo - ich ich nur an die Minen denke - wird mit Sicher- heit länger dauern.

Ist Versöhnung möglich?
Man kann Vergleiche anstellen beispielsweise mit dem Verhältnis der Deutschen zu Russen oder Juden. Es hat auch niemand für möglich gehalten, daß es wieder jüdische Gemeinden in Deutschland gibt - so wie es jetzt niemand für möglich hält, daß wieder Serben im Kosovo leben werden. Es wird immer behauptet, daß man aus der Geschichte nichts lernt - das ist einer der dümmsten Sätze überhaupt.

 
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