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BZ BezirksZeitung 28. September 1999 Die Braunauer Zeitgeschichte-Tage: Heute ist das MordenZeitgeschichte ist die Geschichte, die wir selbst erzählen können, die wir selbst erlebt haben. Manchmal ist Zeitgeschichte knapper an der Gegenwart als einem lieb ist. Letztes Wochenende fanden die Braunauer Zeitgeschichte-Tage statt. Während in den bisherigen Veranstaltungen seit 1992 die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit eine zentrale Rolle spielte, rückten heuer die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien in den Vordergrund. Schwierigkeiten bei der OrganisationDie Saat des Hasses geht schnell auf. Ein paar Brandreden und schon steht eine ganze Region für Jahre in Flammen. Wie sehr die Konflikte und Kriege der letzten Jahre die Menschen auseinander gebracht haben, zeigten auch die Erfahrungen von Dr. Andreas Maislinger, dem Leiter der Braunauer Zeitgeschichte- Tage: Nach anfänglicher Zusage kündigte die jugoslawische Botschaft jede Zusammenarbeit auf. Bei der Diskussion ("Notwendige Begegnungen") wurde auch klar, wie tief der Riß geht. In Österreich lebende Albaner, Bosnier und Serben würden sich nicht mehr grüßen, wurde berichtet, der Kontakt zwischen den Volksgruppen sei quasi abgebrochen. Der Mechanismus ist dabei derselbe, wie er nach dem Krieg bei Deutschen und Österreichern auftrat: Alle fühlen sich als Opfer. Die Albaner, weil sie vertrieben wurden. Die Serben, weil sie von der NATO bombardiert wurden. Die Kroaten, weil sie ihre Gebietsansprüche in Bosnien nicht durchsetzen konnten. Wer sich selbst als Opfer sieht, der erwartet vom anderen eine Entschuldigung und sieht seine eigene Verantwortung nicht. Nicht eine Kollektivschuld, sondern ein kollektives Opfertum steht dem Aufarbeiten entgegen. So war denn auch keine Lösung in der Diskussion zu erwarten, gemeinsame Standpunkte entstanden nur ansatzweise. Dem aufmerksamen Zuhörer wurde klar, wie fragil ein friedliches Zusammenleben ist. "Eine schlechte Tat wiegt tausend gute Taten auf", sagte Konfuzius. Deshalb erinnert man sich auch der schlechten Taten aus der Geschichte und nimmt sie als Legitimation für heutiges Unrecht, wie der ORF-Balkan-Experte Malte Olschewski in seinem Referat eindrucksvoll schilderte. "Der serbische Mythos" schöpft sich aus einem kollektiven Opfergefühl, der als Basis und Rechtfertigung dient. Schon längst hat sich der Mythos von der historischen Realität abgekoppelt und wird damit zum Spielball, zum Werkzeug für politische Machenschaften. Nicht nur der BalkanIn dem Zusammenhang war der Vortrag von Tilman Zülch besonders wichtig. Der Gründer und Leiter der Gesellschaft für bedrohte Völker berichtete über "Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert". Denn weltweit herrscht Gewalt gegen Minder- heiten, werden Völker ausgerottet, Menschen vernichtet. Manchmal braucht man dafür nciht einmal die Politik, es reichen wirtschaftlich Gründe, wie bei den indianischen Ureinwohnern der südamerikanischen Urwälder. Und auch die Vorgänge in Osttimor zeigen, wie sehr die Menschen manipulierbar sind und nur allzu gern dem Ruf nach Unterdrückung folgen. Ob und wie Versöhnung möglich ist, wurde sehr intensiv auf der Schlußveranstaltung "Versöhnungsmechanismen" diskutiert. "Getrennte Wege"So wird im nächsten Jahr das Thema der Zeitgeschichte-Tage heißen. Dabei wird das Verhältnis zwischen Österreichern und den anderen Nachfolgestaaten der k.u.k. Monarchie behandelt, die jetzt durch offene Grenzen und die europäische Einigung wieder näher zusammenrücken. |
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