8. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Notwendige Begegnungen"
Albaner, Bosnier, Kroaten, Roma, Serben
Braunau am Inn, Kultur im Gugg
24. - 26. September 1999


Hofrat Dr. Martin (Josefowitsch) Stieger

Lebenslauf

Hofrat Dr. Martin Stieger wurde am 11 Mai 1922 in dem malerischen mittelfränkischen Städtchen Dinkelsbühl als Auslandsösterreicher geboren. Sein Vater kehrte 1924 nach Bad Schallerbach, in seine oö Heimat, zurück, wo er beim Bau des Bades als Hilfsarbeiter werkte. Die Gattin blieb mit ihren drei Kindern in ihrer fränkischen Heimat. In Dinkelsbühl besuchte Stieger die Volksschule sowie die Realschule mit Handelsabteilung. Als Bahnschüler machte er anschließend in Nördlingen die Oberrealschule. Nach Hitlers Machtergreifung trat er 1934 der katholischen Jugendbewegung (DJK) bei. 1938 Beitritt zur Hitlerjugend im Zusammenhang mit der Schwertertanz- und Zunftreigengruppe der Dinkelsbühler Kinderzeche.

Nach der Reifeprüfung im April 1940 Einberufung zum Reichsarbeitsdienst im Raum Magdeburg. Die Ableistung des RAD war Voraussetzung für die Zulassung zum Hochschulstudium. Nach dem erfolgreichen Abschluß des Westfeldzuges wurde seine RAD-Abteilung in Belgien zum "Beutesammeln" eingesetzt. Ende August 1940 zum Studium entlassen. Nach wenigen Studienwochen in Graz (Jus und Russisch) wurde er irrtümlich, ohne sich gemeldet zu haben, als Freiwilliger Oktober 1940 nach München zum Pionierersatzbataillon 7 einberufen. Nach acht Wochen Grundausbildung kam er zum Pionierbataillon 7, das in Flandern lag. 1941 Verlegung nach Polen nach Modlin, von dort in das Waldgebiet an der Sowjetgrenze. Angeblich diente das der Vorbereitung einer Invasion in England. Anfang Mai 1941 hörten wir, die Sowjetbolschewisten planten einen Angriff auf Deutschland. Daher übten wir auch fest Panzerabwehr.

Juni 1941 begann der Vormarsch der 7. Infanteriedivision südlich der Rollbahn Minsk-Smolensk- Moskau. In den ersten Dezembertagen war ein letzter, allerdings erfolgloser Versuch eines Angriffs auf das zum Greifen nahe Moskau. Im Rahmen der 7. ID kämpfte damals beispielhaft die Legion Tricolore, die aus französischen Freiwilligen bestand. Ihnen machte der harte Winter fast noch mehr zu schaffen als uns. Anfang 1942 kam es zu "Frontbegradigungen". Im Juni 1942 wurde Stieger mit drei Durchschüssen in der rechten Hand verwundet. Lazarett- und Genesungsaufenthalte in der Heimat. In diese Zeit fiel auch der erste Heimaturlaub. Im Spätherbst dann wieder beim Ersatztruppenteil in München. Jänner bis April 1943 Kriegsschule in Dessau-Roßlau. Anschließend als Leutnant zum Pionierbataillon 297 in Südwestfrankreich. Frühsommer 1943 wurde die neu aufgestellte Stalingrad-Division nach Jugoslawien verlegt. Nach der Kapitulation Italiens übernahm sie den Nordabschnitt Albaniens. Die ebenso neu aufgestellte 100. Jägerdivision lag im Südteil. Sie wurde im Frühjahr 44 herausgezogen. Die 297 ID übernahm ganz Albanien. Mit 1944 wurde Stieger Bataillonsadjutant. Er unterhielt ausgezeichnete Beziehungen zu den nationalalbanischen Kräften. Sie informierten ihn über Vorhaben und Pläne der Partisanen. So erfuhr er rechtzeitig vom breit angelegten Partisanenangriff auf die deutschen Einheiten im Raum Fieri, sowie im übrigen Mittelalbanien unterrichtet. Er warnte die benachbarte MG-Kompagnie. Der zuständige IC der Division hingegen schnauzte ihn zusammen, er solle sich nicht um Dinge kümmern, die ihn nichts angingen. Stieger setzte seinen Bataillonsstab in Alarmbereitschaft. So kam es, daß er dann beim massierten Partisanenangriff der einzige Verwundete (Durchschuß linkes Oberkiefer) seiner Einheit war.

Nach verschiedenen Lazarettaufenthalten in Tirana. Belgrad, Wien und Breslau wieder beim Ersatztruppenteil. Vor Kriegsende sollte er zum Armeepionierführer IV als Adjutant kommen. Doch dorthin gelangte er nicht, sondern zu einem "Pio-nierstab z.b.V.", der aus drei Offizieren sowie einem Fahrer bestand und ziemlich funktionslos vor den Amerikanern herum kurvte.

Nach der Kapitulation im Mai 1945 von den Amerikanern den Sowjets übergeben. Der Weg in die Kriegsgefangenschaft hatte begonnen: Über das Lager Hoyerswerda kam er nach Transkaukasien, nach Georgien. Bis September 1947 war er den Lagern von Tkibuli, wo er u.a. ein volles Jahr im Kohlenschacht arbeitete. Dann Abtransport zur "Entlassung" nach Rustawi. Ein Teil kam im Dezember 1947 nach Hause. Er war bei den anderen. In Rustawi wurde er Augenzeuge eines bewaffneten Ausbruchsversuches sowjetischer Häftlinge aus dem nahen Gulag. Im Spätsommer 1949 hatte Stieger erneut großes Glück. Die MWD-Sekretärin brauchte einen Schreiber für die Liste der Gefangenen, die ins Regimelager verlegt werden sollten. Stieger bekam nun seinen eigenen MWD-Akt in die Hände. Mach einigem Zögern entfernte er daraus einen ganz obenauf liegenden Zettel, auf dem stand, Stieger sei Juni 1941 bis Juni 1942 bei der 7. Infanteriedivision gewesen, die in den Büchern des MWD verzeichnet ist. Über eine Teilnahme von ihm an Kriegsverbrechen sei nichts bekannt. Stieger ist überzeugt, daß er deshalb mit dem nächsten Transport in die Heimat fahren konnte, wo er am 29. November 1949 ankam.

Seit Februar 1995 Obmann des Bezirksverbandes Wels des Heimkehrerverbandes Österreichs, der Organisation ehemaliger Kriegsgefangener.

Kriegsauszeichnungen: EK II, KVK II, Verwundetenabzeichen, Sturmab-zeichen, Winterkampfmedaille. 50% kriegsbeschädigt.

1950 Wiederaufnahme des Studiums in Graz: Jusstudium, Dolmetschstudium Russisch und Übersetzerstudium Französisch mit den Abschlüssen: Diplom-Dolmetsch für Russisch, Akademisch geprüfter Übersetzer für Französisch und Dr. juris. 1956/57 Studium der Rechtsvergleichung in Paris. 1957 - 1959 Gerichtspraxis in Wien mit gleichzeitigem Studium an der Universität in Luxemburg (Diplom/Oberdiplom für Rechtsvergleichung). 1953 bis 1962 freier Mitarbeiter des Institutes zur Erforschung der UdSSR in München.

1960 Eintritt in den Schuldienst an der Bundeshandelsakademie Linz. November 1976 Direktor der HAK I in Wels. Seit 1.1.1988 in Pension

Gleich nach seiner Heimkehr trat er dem Heimkehrerverband in Graz bei. März 1995 wurde Stieger zum Bezirksobmann des HVÖ Wels bestellt.

Verschiedene Publikationen und Zeitungsartikel über Fragen der Sowjet-union und der kommunistischen Bewegung.

Seit 1960 verheiratet. Sechs Kinder

Gegnerschaft im Kriege heißt nicht Feindschaft im Leben

Mit dem Satz "Völker versöhnt euch, entsagt dem Haß!" kann ich als Kriegsteilnehmer und ehemaliger Kriegsgefangener nicht viel anfangen. Wie soll ich mich mit jemandem "versöhnen", mit dem ich niemals "verfeindet" war? Vom 16. bis 20. September 1999 hält die Internationale Vereinigung der Verbände ehemaliger Kriegsgefangener (C.I.A.P. Confédération Internationale des Anciens Prisonniers de Guerre) in Bad Godesberg bei Bonn ihre Generalversammlung ab. Diesmal werden die entsprechenden Verbände Rußlands und Ungarns aufgenommen. Wir werden auch mit unseren neuen Kameraden schnell das gute kameradschaftliche Einvernehmen haben wie mit unseren "Kameraden" aus Frankreich, Italien, Belgien, Finnland und Deutschland.
Gewiß, wir lagen während des Krieges auf verschiedenen Seiten der Front. Wir waren in der Gefangenschaft in gegensätzlichen Lagern. Wir alle waren vom Schicksal in unterschiedliche Volkskörper hinein geboren, als junge Menschen mit bestimmten Ideen, Vorurteilen erfüllt. Wir meinten es sei unsere "Pflicht", aufeinander zu schießen. Doch "persönliche Feinde", nein, das waren wir nie. Als wir uns unfreiwillig oder freiwillig näher kennen lernten, sahen wir, daß uns vielfach mehr verband als uns trennte. Es klingt banal, ist aber eine bedeutsame Erkenntnis: "Was zählt ist nicht die Uniform, sondern einzig und allein der Mensch". Warum also sollen wir uns versöhnen, wo wir doch niemals persönliche Feinde waren?
Wir müssen uns lediglich näher kennen lernen und uns besser verstehen. Wir können nicht nur als Einzelne, sondern auch als Völker wechselseitig viel von einander lernen. In meiner nahezu fünfährigen Gefangenschaft in der Sowjetunion erfuhr ich erstmalig nicht nur von der reichen Kultur Rußlands, sondern auch von der Georgiens und Armeniens.
Menschenschinder, Gewalttäter, Verhetzer und Verführte sind auf allen Seiten zu finden. Wir ehemaligen Kriegsgefangenen tragen das Unsere dazu bei, damit sie in der Minderzahl bleiben.

Hofrat Dr. Martin Stieger
Heimkehrerverband Österreich - Bezirksobmann Wels/Oberösterreich

Herr Dr. Stieger wird an den 8. Braunauer Zeitgeschichte-Tagen teilnehmen und am 26. September 1999 ab 10 Uhr mit Werner Falk von Aktion Sühnezeichen, Berlin, über "Versöhnungsmechanismen" zwischen Deutschen und Russen sprechen.

 
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