9. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Getrennte Wege"
Deutsche, Juden, Österreicher, Tschechen


Dokumente der Trennung

Leserforum: Die fatalen Benesch-Dekrete
(Tiroler Tageszeitung 16./17. September 2000)

Seit den Bemühungen der Tschechischen Republik um Aufnahme in die EU sind die Diskussionen um die Benesch-Dekrete erneut aufgeflammt. Zu den Aufnahmebedingungen in die EU zählt nach den Kopenhagener Beitrittskriterien von 1993 u.a. auch die Gewährleistung von Menschen- und Minderheitsrechten in dem ansuchenden Land. Folgerichtig hat das Europäische Parlament am 15.4.1999 die Tschechische Republik aufgefordert, "fortbestehende Gesetze und Dekrete aus den Jahren 1945 und 1946 aufzuheben, soweit sie sich auf die Vertreibung einzelner Volksgruppen der ehemaligen Tschechoslowakei beziehen."

Auch der österreichische Nationalrat hat am 19.5.1999 eine ähnliche Entschließung verabschiedet, trotzdem ist die Tschechische Republik dazu nach wie vor nicht bereit.

Worum geht es in diesem Streit? Als der frühere tschechische Staatspräsident im April 1945 aus dem Exil zurückkehrte, erließ er das "Kaschauer Programm", das ihn dazu berechtigte, die dreieinhalb Millionen in der CSR lebenden Deutschen mit Zustimmung der Alliierten zu enteignen und auszusiedeln. Ein Programm, das mit größter Brutalität durchgeführt wurde, Benesch erließ dazu eine Reihe von Dekreten. Die wichtigsten:

  • Dekret Nr. 5/1945: die Vermögenswerte von Deutschen, Madjaren, Verrätern und Kollaboranten werden einer nationalen Verwaltung unterstellt (entschädigungslose Enteignung)
  • Dekret Nr. 33/1945 stellt fest, dass die Deutschen und Madjaren die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft schon 1938 verloren hätten (Vorwand für Vertreibung)
  • Dekret Nr. 12/1945: der gesamte landwirtschaftliche Besitz wird enteignet. (Enteignung)
  • Dekret Nr. 115/1946: Handlungen, die zwischen dem 30.9.1938 und 28.10.1945 begangen wurden, sind nicht widerrechtlich, auch wenn sie sonst strafbar gewesen wären.

Mit letztgenannter, auch als Amnestiegesetz bezeichneter Verordnung würden nachträglich alle Verbrechen legitimiert, denen 250.000 Deutsche zum Opfer gefallen waren. Auf Grund der Dekrete wurden drei Millionen Sudetendeutsche ihres Besitzes beraubt und aus ihrer Heimat vertrieben. Und es ist nicht zu fassen, dass diese heute noch immer gültiges Recht darstellen und sich die Nachfolger von Benesch trotzdem um eine Aufnahme in die EU bemühen.

DDr. Christine Micheleit Sudetendeutsche Landsmannschaft 6020 Innsbruck