9. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Getrennte Wege"
Deutsche, Juden, Österreicher, Tschechen


Dokumente der Trennung

Also verlasst das alldeutsche Narrenschiff, werft die Antisemiten über Bord, die Euch so sehr geschadet haben.
(1902)

Brief Hans Kudlichs aus Hoboken/New Jersey an seinen Neffen Hermann Krommer in Troppau.

Hoboken, 19. Februar 1902.
Lieber Neffe Hermann Krommer!

Am 5. Deine Zuschrift betreffend der Kathreiner Kudlich erhalten. Die Sache mit Neffen Dr. Hermann Friedrich besprochen. 'Infolge dieser Unterredung solltest Du wohl schon jetzt eine Anweisung auf 100 K (20 Dollar) von Dr. Hermann Friedrich Kudlich erhalten haben, an der wir beide zu gleichen Teilen beteiligt sind. Auf eine grössere Sammlung und auf allgemeine Besteuerung des hiesigen Deutschtums dürft Ihr Euch keine Hoffnung machen, man kümmert sich hier wenig um österreichische Angelegenheiten und um das Schicksal des deutschen Untertanen der k. k. schwarz-gelben Monarchie. Und alle Nachrichten von dort machen einen trostlosen Eindruck und rauben auch den bei Euch alle tollen Hunde losgelassen worden wären. Allüberall der roheste Antisemitismus und dümmste Klerikalismus die Situation beherrschend! Kultureller Niedergang und materielle Verarmung! Aerger als in Polen, Spanien und Italien. Die nächste Hilfe soll Euch wohl von dem Deutschen Reich kommen? Aber die Leute bekreuzigen sich dort, und wollen von einem so schwer zu regierenden Zuwachs von desorganisierten Deutschen, von tollen Alldeutschen, Klerikalen und Katholiken, starkgeeinigten Tschechen, national-katholischen Polen u.s.w. ganz und gar nichts wissen. Schon Bismarck, der Ritter ohne Furcht, hatte einen heillosen Respekt und wollte dieses Ungetüm nicht anfassen. Viel wohlhabende Deutsch-Oesterreicher gibt es hier nicht. Die Reichsten unter ihnen sind Juden, z. B. die Fleischmanns, die in meiner Jugendzeit in Jägerndorf Branntwein erzeugten. Mehrfache Millionäre hier, auch freigebig, aber für die als Antisemiten verschrieenen Deutschen in Troppau dürften sie keinen Heller geben. Sie kennen Euere Zustände besser als ich sie kenne. Ich selbst mag mit Antisemiten nichts zu tun haben. Denn von ihnen datiert die traurige und verbrecherische Untergrabung der Fundamente des deutschen Liberalismus in Oesterreich. Und wenn Ihr nicht meine Neffen wäret, würde ich das Schreiben wohl kaum beachtet haben. Also verlasst das alldeutsche Narrenschiff, werft die Antisemiten über Bord, die Euch so sehr geschadet haben und Euch noch immer vor der liberalen und vernünftigen Welt unmöglich machen - bildet eine grosse, feste deutsche und liberale Masse und die Sympathie und Achtung von Deutschland und der Welt wird Euch nicht fehlen. Meine deutsche Gesinnung kennst Du! Aber die Gesinnung allein genügt nicht für die Führung des Volkes. Sie muss auch eine Portion Takt und Klugheit besitzen, sonst schadet sie nur der eigenen Nation.

Mit herzlichen Grüßen Oheim Hans Kudlich

"Verlasst das alldeutsche Narrenschiff!" Hans Kudlichs politisches Testament. 73 f