9. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Getrennte Wege"
Deutsche, Juden, Österreicher, Tschechen


Dokumente der Trennung

Aus:
Enzyklopädie des Holocaust
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden
Hauptherausgeber Israel Gutmann
Band II, S. 864-866.

Lidice

Ort in der Tschechoslowakei, 15 Kilometer von Prag entfernt, während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen zerstört. Am 9. Oktober 1940 wurde auf Hitlers Weisung der Plan für eine "endgültige Regelung" bezüglich des Protektorates Böhmen und Mähren entworfen. Das Protektorat sollte Teil des deutschen Lebensraums werden. Das bedeutete, daß die eine Hälfte der tschechoslowakischen Bevölkerung in das Deutsche Reich integriert, die andere vertrieben werden sollte. Im September 1941 trat Reinhard Heydrich als Stellvertretender Reichsprotektor an die Stelle von Konstantin von Neurath, der offiziell für "krank" erklärt wurde. Heydrich hatte die Aufgabe, das Protektorat von allen NS-feindlichen Kräften zu "säubern", namentlich von der Untergrundbewegung, die immer häufiger Sabotageakte unternahm. Bedrohlich für die Nationalsozialisten war außerdem die Gegenpropaganda der Exilregierung in London, vor allem aber der Rückgang der für Deutschland lebensnotwendigen industriellen Produktion.

Heydrich traf am 27. September 1941 in Prag ein, am nächsten Tag wurde mit Unterstützung von Karl Hermann Frank, dem Staatssekretär beim Reichsprotektor, in sieben Kreisen der Ausnahmezustand erklärt. Am selben Tag verhängte der Volksgerichtshof das Todesurteil über Alois Elias, den führenden Vertreter der Protektoratsregierung (dessen Amtsenthebung schon dreimal aufgeschoben worden war). In den folgenden zwei Monaten wurden mehr als 4000 Tschechen inhaftiert und davon 404 hingerichtet. Der tschechoslowakische Präsident Emil Hácha mußte in die Bildung einer neuen tschechischen Regierung einwilligen, die vollständig unter deutschem Einfluß stand.

Schon vor Heydrichs Eintreffen hatten die Untergrundorganisationen Einbußen hinnehmen müssen. Einige hatten aus Loyalität mit der tschechoslowakischen Exilregierung in London die Dachorganisation Ústredni Vedení Odboje Domácího (Zentrales Komitee für den internen Kampf) ins Leben gerufen. Hauptsächlich aus Veteranen bestand die Untergrundbewegung Obrana Národa (Verteidigung des Volkes); sie brach zusammen, als mehrere tausend Mitglieder festgenommen wurden. Eine weitere bedeutende Gruppe war Peticni Výbor: Verni Zustaneme (PVVZ; "Treu für immer"). Jüdische Intellektuelle spielten eine entscheidende Rolle in dieser sozialdemokratisch geprägten Organisation, die eine wichtige Verbindung zur Exilregierung in London darstellte.

Im Sommer 1940 hatte die Gestapo Unterlagen der PVVZ beschlagnahmt, und Heydrich nutzte diesen Fund als Vorwand für Massenverhaftungen. Die Zahl der Festgenommenen erhöhte sich von 1298 im August 1941 auf 2744 im Oktober, darunter 1772 Untergrundmitglieder, so daß die Organisation nicht mehr weiterarbeiten konnte. Die Kommunisten dagegen hatten nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion an Stärke gewonnen. Heydrich versuchte Sympahien bei den Arbeitern zu gewinnen, indem er ihre Lebensmittelrationen etwas erhöhte und für eine beträchtliche Verbesserung ihrer sozialen Sicherheit sorgte. Diese Maßnahmen stießen bei den Arbeitern zwar nur auf wenig Resonanz, doch die Atmosphäre im Protektorat entspannte sich.

Die Exilregierung in London, durch diese Entwicklung auf höchste alarmiert, entschloß sich zu einem Attentat auf Heydrich. Am 4. Oktober 1941 sprangen mehrere Gruppen von Fallschirmspringern über dem Protektoratsgebiet ab. Einer Gruppe gelang der Aufbau einer Rundfunkverbindung.
Die Gruppe Anthropoid, bestehend aus Jan Kubis und Jozef Gabcik, verübte mit Unterstützung der kleinen Untergrundorganisation Sokol am 27. Mai 1942 das Attentat auf Heydrich. Sie sprengten seinen Wagen auf dem Weg nach Prag mit Handgranaten in die Luft. Heydrich erlag am 4. Juni 1942 seinen Verletzungen.

Die Deutschen erklärten daraufhin unverzüglich den Ausnahmezustand und durchsuchten innerhalb von 24 Stunden 5000 Städte und Ortschaften. Bis zum 1. September 1942 wurden 3180 Personen festgenommen und 1344 zum Tode verurteilt. Zwei Stunden nach dem Attentat hatte Hitler die Hinrichtung von 10000 Tschechen angeordnet. Diese Zahl wurde verdreifacht, nachdem Heydrich gestorben war. Als die Attentäter und die anderen Fallschirmspringer gefaßt worden waren, gelang es Karl Hermann Frank, die Ausführung von Hitlers Befehl aufzuschieben und schließlich rückgängig zu machen. Am 9. Juni 1942 warnte Hitler die Protektoratsführung, es würden Millionen von Tschechen vernichtet werden, falls sie "zu einem friedlichen Zusammenleben nicht in der Lage seien".

Am frühen Morgen des 10. Juni 1942 wurden sämtliche Einwohner von Lidice aus ihren Wohnungen getrieben. Alle 192 Männer wurden ermordet, außerdem 71 Frauen. Die verbliebenen 198 weiblichen Einwohner wurden ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Nur 143 kehrten nach dem Krieg in ihren Heimatort zurück. Nicht mehr als 16 der 98 Kinder, die man in "Erziehungsanstalten" interniert hatte, überlebten. Im Beisein von Frank, Ernst Kaltenbrunner (Heydrichs Nachfolger) und etlichen Fotografen wurde Lidice dem Erdboden gleichgemacht. Die offizielle Begründung lautete, daß die Dorfbewohner den Attentätern geholfen hätten - was nicht den Tatsachen entsprach - und daß zwei bei den tschechoslowakischen Truppen in Großbritannien stationierte Männer aus Lidice die Fallschirmspringer von der Loyalität der Ortseinwohner überzeugt hätten.

Die Attentäter und die anderen Fallschirmspringer hatten in den Kirchen St. Kyrill und Method in Prag Zuflucht gefunden. Nachdem ihr Versteck verraten worden war, wurden sie ermordet, allerdings nicht ohne zuvor bewaffneten Widerstand geleistet zu haben. Noch schlimmer als Lidice traf es die Ortschaft Lezáky östlich von Prag, wo der Radiosender entdeckt wurde. Die gesamte erwachsene Bevölkerung des Dorfes wurde umgebracht, die Kinder übergab man zur "Umerziehung" den Deutschen. Lediglich zwei Kinder befand man jedoch für eine solche "Umerziehung" als geeignet; sie wuchsen als Deutsche auf und sind die einzigen Kinder aus Lezáky, die den Krieg überlebten.

Die tschechische Bevölkerung war von den Ereignissen schockiert, die Widerstandsbewegung nun handlungsunfähig, nachdem sie sich kurze Zeit zuvor noch hatte reorganisieren können, wie Heydrich zwei Wochen vor dem Attentat erstaunt festgestellt hatte. Die Exilregierung bestritt, in das Attentat verwickelt gewesen zu sein, und behauptete, der Anschlag auf Heydrich sei aus Protest gegen den deutschen Terror erfolgt. Nach dem Krieg wurde das wiederaufgebaute Lidice zu einem Symbol für die national- sozialistische Gewaltherrschaft ebenso wie für die tschechische Widerstandsbewegung. Eine weitere deutsche Reaktion ist durch deutsche Unterlagen belegt, insbesondere einen umfassenden Bericht des Gestapo- Kriminalrats Heinz Pannwitz an Hitler. Pannwitz zufolge basierte die "Operation Lidice" auf einem Vorschlag Josef Böhmes, des Leiters der Sicherheitspolizei in Prag. Auf Befehl des SS-Reichsführers Heinrich Himmler wurden, laut Pannwitz´ Bericht, 252 Angehörige und Freunde der Bewohner von Lidice am 24. Oktober 1942 im Konzentrationslager Mauthausen vergast, darunter 130 Frauen und viele Kinder.

Literatur: J. Bradley, Sacrificial Village, New York 1972.
K. Vogel, Lidice - ein Dorf in Böhmen. Rekonstruktion eines Verbrechens, Berlin 1989.