"aber wir grüssten uns nicht mehr und sprachen
nicht mehr miteinander, denn ich war deutscher und er war slawischer
Farbe"
(1848)
Alfred Meißners Bericht "Auf der Fahrt zum Parlamente"
in der "Kölnischen Zeitung" vom 16. Juli 1848.
Es war eine Woche vor Pfingsten, als ich auf dem Wege nach Frankfurt
in Prag ankam. Wie verändert fand ich die alte, wohlbekannte Stadt!
Sie war ein buntes, grosses Karawanserei geworden, und die fremden,
seltsamen Gäste aus Ost und Südost und Nordost führten
das grosse Wort darin. Welches Gewühl von fremdartigen Gestalten
in seltsamen Trachten, welche krause, unheimliche Wirtschaft! Wohin
man sah, uneuropäische Uniformen, klirrende Säbel, wallende
Federn von den drei slawischen Farben auf Baretten und Sturmhüten!
– Eine unbekannte Welt liegt zwischen dem adriatischen Meere und dem
schwarzen; diese ganze weite Erdstrecke hatte ihre Deputirten nach Prag
gesendet. Der Vladika von Montenegro war mit einer grossen Anzahl Begleiter
angekommen, der Banus von Croatien hatte an zweihundert Croaten hingeschickt.
Serbische Popen gingen paarweise durch die Gassen. Ich habe in meinem
Leben schon viele hässliche Popen gesehen, nie hässlichere
als diese mit ihren langen fettigen Haaren, die bis auf den halben Rücken
hinabfielen. Uebrigens waren die Süd-Slawen herrliche Leute, hoch
und schlank, braune, kriegerische Gesichter mit langen, schwarzen Bärten,
wie es Söhnen eines patriarchalischen Volkes geziemt; aber wie
kamen dies schönen Barbaren in das deutsch-civilisierte Prag? Was
sollten ihre Umzüge mit den dreifarbigen slawischen Fahnen und
die Messen nach griechischem Ritus in der Capelle des heiligen Methodius
und vor der Statue des guten Herzogs Waclaw, der schon darum ein böhmischer
Heiliger geworden, weil er die Deutschen gehasst und verfolgt? Dieses
ganze Thun und Treiben war fremd und mühsam dahergebracht; es machte
auf jeden den Eindruck einer schlechten Maskerade bei theuren Zeiten
und Tageslicht. – Auch viele Prager machten das Fastnachtsspiel mit;
sie wollten den Beweis liefern, sie könnten nicht minder uneruopäisch
und barbarisch aussehen, als ihre südslawischen Stammesbrüder,
wenn sei nur wollen. Ich erkannte manchen alten Freund im Hussiten-Wams
und mit der Swornost-Mütze; aber wir grüssten uns nicht mehr
und sprachen nicht mehr miteinander, denn ich war deutscher und er war
slawischer Farbe. Umso wärmer war der Gruss bei deutschgesinnten
Bekannten; wir schüttelten uns die Hände, wie in Zeiten einer
grossen Religions-Verfolgung die Glieder einer verfolgten Kirche sich
die Hände schütteln mögen. "Es ist nicht mehr auszuhalten
hier", sagten sie, "man möchte eben so gern in Kahiro
leben. Ein Gewitter hängt in der Luft, noch einige Tage, und es
muss sich entlanden. Wir wollen unsere Bündel schnüren und
sehen, dass wir zeitig genug fortkommen, ehe zur Bartholomäus-Nacht
die Glocekn läuten" – Ich lächelte: Es ist wohl nicht
so arg; inzwischen will ich doch nicht länger hier bleiben, als
eben Noth thut. Ich reise nach Frankfurt.
Tobolka-Zacek