9. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Getrennte Wege"
Deutsche, Juden, Österreicher, Tschechen


Dokumente der Trennung

Böser Nachbar? (Kurier 13. September 2000)

Kommentar über das Kraftwerk Temelin, Emotion und Politik

Für Bruno Kreisky war Zwentendorf ein so emotionales Thema, dass er seinen Verbleib als Bundeskanzler mit der (nicht erreichten) Zustimmung zum AKW per Volksabstimmung verknüpfte. Ähnlich gefühlsbetont agiert die Politik westlich von Wien. Prag hatte bis dato nicht das winzigste Verständnis für die Aversion gegen Temelin in Österreich.

Die Prager Argumentation: Wir lassen uns unser mit teuer zusammen geschnorrtem Geld gebautes Prestige-Objekt nicht abdrehen, Einmischung brauchen und wollen wir nicht. Dass tschechische Mütter keine Angst vor radioaktiver Bedrohung haben, erklärt sich eigentlich nur mit nationaler Propaganda: Es geht nicht um Gefahr, sondern um Souveränität oder Moderne oder sonst irgendeine überhöhte Behauptung, die im Fall des (Un-)Falles keinen Schutz vor atomarer Verseuchung bietet.

Besser war der österreichische Standpunkt allerdings bisher auch nicht, der da lautete: Wenn ihr nicht so tut wie wir wollen, dann bocken wir und blockieren euren EU-Beitritt. Dass kein EU-Beitritt Tschechien zu einem angenehmeren Nachbarn oder Temelin zu einem sicheren AKW macht, kann aber wohl niemand ernsthaft annehmen.

Da Radioaktivität sich, Binsenweisheit hin oder her, nicht an nationale Grenzen hält, wäre erst ein Aufschub und dann ein Ausweg in Sachen Temelin dringend vonnöten.

Der Vorstoß von Nationalratspräsident Fischer, eine multinationale Plattform zu bilden, könnte ein solcher sein. Vor allem wegen des angestrebten Zieles, Temelin nicht zu verhindern, sondern es so sicher wie irgend möglich zu machen. Denn das ist Politik: Das Mögliche möglich machen, nicht das Unmögliche lauthals fordern, aber nichts erreichen.