Prager Außenminister
in Brüssel: Nur mit Worten versöhnlich zu Temelin
(Oberösterreichische Nachrichten, 20. 9. 2000)
BRÜSSEL/LINZ/PRAG.
Vesöhnlich im Ton, aber hart in der Sache Temelin gab sich Tschechiens
Außenminister Jan Kavan gestern beim EU-Assoziationsrat in Brüssel.
Unterdessen wandte sich Staatspräsident Vaclav Havel gegen die Darstellung,
er wolle nicht mit den Atomgegnern sprechen.
"Es ist legitim,
wenn die Österreicher Ängste wegen Temelin äußern, selbst wenn sie nicht
fundiert sind. Jedenfalls ist es unsere Aufgabe, diesen Ängsten etwas
entgegenzusetzen", meinte Kavan auf Frage der OÖN. Prag habe sich dazu
verpflichtet, den Österreichern alle relevanten Informationen zum Kraftwerk
zu übermitteln. In den nächsten Wochen sollen auch die Umwelt- und Industrieminister
beider Länder zusammentreten. Wegen der Sanktionen sei dies bisher nicht
möglich gewesen, meinte Kavans Sprecher. "Wir werden Temelin so lange
nicht in Betrieb nehmen, so lange die höchsten europäischen Sicherheitsstandards
nicht erfüllt sind", erklärte Kavan vollmundig, um dem gleich hinzuzufügen,
dass "aus unserer Sicht Temelin sicher ist." Die Frage sei zwar nicht
Gegenstand des EU-Vertrags, sagte Erweiterungskommissär Günther Verheugen.
Allerdings sollte Prag im Interesse einer guten Nachbarschaftspolitik
Offenheit demonstrieren. "Persönlich" halte er es sogar für "politisch
sinnvoll", wenn Tschechien vor Inbetriebnahme noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung
(UVP) durchführe. Bei der IAEO-Konferenz in Wien war Temelin zwar offiziell
kein Thema, Außenministerin Benita Ferrero-Waldner appellierte dennoch
an die IAEO-Mitgiedsstaaten, Österreichs Forderung nach einer UVP zu
unterstützen. Es sei "unumgänglich", dass die höchsten nuklearen Sicherheitsstandards
weltweit eingehalten werden, sagte Ferrero-Waldner. Österreich messe
der nuklearen Sicherheit bei den EU-Verhandlungen eine "besondere Bedeutung"
bei. Tschechiens Staatspräsident Vaclav Havel wandte sich gegenüber
tschechischen Medien gegen die Darstellung, er lehne Gespräche mit österreichischen
Atomgegnern ab. Dass diese für ihn keine Partner seien, habe er nie
gesagt, so Havel. Er wolle nur nicht unter Druck und Zwang verhandeln,
die Proteste seien "legitim". Havel sprach sich auch dafür aus, internationale
Experten zur Überprüfung des AKW einzuladen - entgegen der Ansicht von
Premierminister Milos Zeman. Am kommenden Freitag werde es zwar Protestkundgebungen
gegen Temelin geben, Grenzblockaden seien aber nicht geplant, man wolle
zunächst die Gesprächsbereitschaft Tschechiens abwarten und kein "Druckmittel"
setzen, bestätigte gestern Otto Gumpinger für das österreichisch-tschechische
Anti-Atom-Komitee.(jun/bock)