9. Braunauer Zeitgeschichte-Tage "Getrennte Wege"
Deutsche, Juden, Österreicher, Tschechen


Dokumente der Trennung

"Väterchen, Väterchen, warum sind wir Juden?"

Bericht der Tageszeitung "Právo lidu" vom 3.Dezember 1897 – hier nach Wiedergabe der "Bohemia" vom 4. Dezember 1897 – über die antisemitischen Exzesse, zu denen es nach der Schließung des österreichischen Reichsrates und der Entlassung von Ministerpräsident Badeni in Prag kam.

[...] Über die Ausschreitungen in ikow schreibt dem "Právo lidu" ein ikower Arbeiter folgendes: "Unter dem Eindrucke des Ekels, welchen menschliche Verworfenheit, die sich mit keiner Feder beschreiben läßt, auf mich gemacht hat, richte ich diese Zeilen an Sie. Auf dem Heimwege aus der Arbeit nach ikow war ich Zeuge dessen, wie die Excedenten das haus der Firma Schimmel & Co., wo brennbare Stoffe und ätherische Öle erzeugt werden, demolirten. Eben waren sie mit dem Zertrümmern der Fenster fertig, worauf sie sich, bewaffnet mit Hauen, Aexten und Knütteln, auf das Thor stürzten. einige krochen ans Fenster, begannen die Rouleaux anzuzünden und ins Innere zu werfen. Nach Einnahme des Thores drangen sie unter fürchterlichem Lärm, "Hej Slované!" singend, in das Innere und wollten das Haus in Brand stecken. Der Hausmeister ein armer echischen Arbeiter, sank auf die Knie und bat um Gottes Willen, das Haus nicht anzuzünden im Hinblick auf das Unglück, welches die Bewohner dieses Hauses, sowie die benachbarten Häuser treffen würde, indem sich hier auch explosive Stoffe befinden und er mit seinen Kindern hierbei auch zu Grunde gehen würde. Aber auch die herzzerreißenden Jammerrufe des armen Mannes halfen nichts. ... Die fanatisierte menge wollte ihr Werk vollenden. Ich konnte dieses Beginnen nicht länger mit ansehen, ich ging auf die Leute zu und redete ihnen zu, endlich aufzuhören. Sie hielten zwar einen Augenblick inne, aber gleich darauf stürzten sich die verlotterten Gesellen auf mich und nur einigen Bewohnern habe ich es zu danken, daß sie mich aus den Klauen dieser Elenden befreiten, sonst wäre ich ein Kind des Todes gewesen. ... Viel schlimmer erging es einigen jüdischen Geschäftsleuten. Als die Fanatiker die deutsche Schule zerstört hatten, stürzten sie sich auf die unscheinbaren Läden dieser zumeist armen Teufel – und was weiter folgte – war der reinste Raub. Dem Samuel Bondy zertrümmerten sie seinen kleinen Laden und begannen im wahren Sinne des Wortes zu plündern, sie warfen die verschiedenen Kaufmannswaren auf die Straße und trugen sie nach Hause, so daß dem armen Teufel gar nichts geblieben ist. doch nicht genug daran; der genannte Geschäftsmann, ein alter ergrauter Mann, kehrte eben nach Hause zurück und da wurde er von der Menge fürchterlich geschlagen, so daß er unter den Hieben dieser Wüthenden vor Schmerz schrie. Ja, nicht einmal seine Kinder wurden geschont. Wir hörten das herzzerreißende Jammern jener Unglückliche, wie sie weinten und ihren gemarterten Vater umschlungen hielten und wie sie wehklagend riefen: Väterchen, Väterchen, warum sind wir Juden? ... Dem Geschäftsmann Katz erging es noch ärger (vergleiche auch an anderer Stelle). Dem wurden nicht einmal die Betten geschont; Alles wurde ihm gestohlen und er fürchterlich geschlagen. Dabei ist aber am Schändlichsten, daß diese Elenden fortwährend aufgehetzt wurden von Leuten, die sich nicht scheute, öffentlich zu verkünden, daß dies für die Einheit der echischen Nation geschehe. Wir sahen elegant gekleidete Männer mit echischen Abzeichen, wie sie den Massen Befehle ertheilten, wir sahen Leute, wie sie mit dem Stocke hinzeigten, wo sich die Menge hinstürzen solle, wir sahen Leute, welche als die Excedenten zu wüthen aufhörten, sie noch aufmunterten und zu Gewaltthätigkeiten aufforderten. Und wenn man das Alles mit angesehen, so kommt einem der Gedanke: Das soll zur Einigung der echischen Nation geschehen, das soll der echischen Nation zur Erlangung ihrer Rechte verhelfen? Da soll die echischen Nation lieber auf ewig ohne Rechte sein, wenn sie sie sich nicht anders zu erringen vermag, als durch Berauben und durch Martern unschuldiger Leute."

Nach den Prager Schreckenstagen. Bohemia (Prag) 4.12.1897.