Braunauer Rundschau, 28. September 2000

Eine Brücke geschlagen

Die Geschichte muss gemeinsam aufgearbeitet werden

BRAUNAU. Unter dem Titel "Getrennte Wege - Deutsche, Juden, Österreicher, Tschechen im 20. Jahrhundert" wurden bei den 9. Braunauer Zeitgeschichte-Tagen die Beziehungen zur Tschechischen Republik genauer unter die Lupe genommen.

Eine historische Spurensuche unter anderem gemeinsam mit Gästen aus Braunau (Broumov) in Böhmen, die versuchten, getrennte aber auch gemeinsame Wege mit den Gastgebern aus Braunau am Inn zu finden. Keine leichte Aufgabe, eine Brücke über die ertragenen Leiden zu schlagen. Zu präsent sind noch die Erinnerungen der vertriebenen Sudetendeutschen, zu persönlich die Berichte der Vortragenden. Aber auch die von den Nationalsozialisten verübten Grausamkeiten stehen im Raum.

"Wir waren Freiwild geworden und mussten innerhalb einer Stunde unsere Wohnung verlassen. Ich war damals 13, meine Schwester fünf Jahre alt, mein Vater war in Gefangenschaft", erinnert sich Walter Hecht (Ortsbetreuer für die ehemals ansässigen deutschen Bewohner der Stadt Braunau) an die Vertreibung, die Unterbringung im Barackenlager und den Transport mit 1.200 anderen Menschen bis nach Leipzig.

"Wir tragen immer noch das Bild von Braunau in uns. Wir sind dort bewusst als Sudetendeutsche aufgewachsen, eine Berührung mit den Tschechen gab es nicht. Erst hinter Braunau fing das Bimsche, das Böhmische, an", erinnert sich Ernst Birke, Heimatkreisbetreuer des ehemaligen Kreises Braunau. "Damals waren von den 7.000 Einwohnern Braunaus nur rund 300 Tschechen."

Tibor Pindes, Stadtrat aus Broumov, bringt die Schwierigkeiten auf den Punkt. "Jede Seite sieht es so, wie ihr Volk betroffen war. Die einen sehen Vertreibung als gerechte Strafe an, die anderen als Völkervertreibung. Daher muss für beide Seiten eine anzunehmende Wahrheit gefunden werden".

Einig waren sich die Vortragenden in der Konsequenz daraus, dass nur eine gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte auch zu einem "Gemeinsamen Weg" führen kann.

Das Schlagwort der "verfreundeten Nachbarn" Tschechische Republik und Österreich prägte am Sonntag die Diskussion. Einer politischen und wirtschaftlichen Annäherung stehen aktuelle Probleme wie die Frage um das Atomkraftwerk Temelin, die Aufhebung der Benes-Dekrete oder die Beteiligung Tschechiens an den Maßnahmen der EU-14 gegen Österreich gegenüber.

Jan Hlousek, Diplomat im tschechischen Außenministerium, sieht eine "Verrohung der gegenseitigen Kommunikation". Die Instrumentalisierung antislawischer Gefühle und die Darstellung der "Tschechen als die Bösen" ortet Hlousek in einem "virtuellen Szenario" der Beziehungen zwischen den Nachbarn. Ziel müsse daher sein, so Josef Mühlbachler, Bürgermeister von Freistadt, Nationalratsabgeordneter und ÖVP-Vertriebenensprecher, sich "über Nationalismen hinweg zu heben. Trotzdem es viel Trennendes gab, soll man sich die Hand reichen."

 
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