Das Geisterhaus

This article is also available in: en English

Seit Jahrzehnten mietet die Republik Österreich Hitlers Geburtshaus in Braunau, um zu verhindern, dass daraus eine Nazi-Kultstätte wird. Die Eigentümerin, deren Vorfahren schon vom Hitler-Tourismus profitierten, hintertreibt jede sinnvolle Nutzung. Nun wird sogar die Möglichkeit einer Enteignung geprüft.

NS ANSICHTSKARTE VOM REKONSTRUIERTEN KINDERZIMMER Der Gastwirt Pommer hatte schon im Jahre 1936 das Zimmer ausstaffiert und Touristen vorgeführt.
NS ANSICHTSKARTE VOM REKONSTRUIERTEN KINDERZIMMER Der Gastwirt Pommer hatte schon im Jahre 1936 das Zimmer ausstaffiert und Touristen vorgeführt.

Das Städtchen Braunau an der österreichisch-bayerischen Grenze ist berühmt-berüchtigt. Da helfen keine eigens gepflanzten „Friedenslinden“ und auch kein Jägerstätterpark. Hier kam am 20. April 1889 Adolf Hitler zur Welt. Sein Geburtshaus an der Adresse Salzburger Vorstadt Nummer 15 ist ein zweistöckiges, schmutzig-gelbes, vergammelt wirkendes Gebäude, an dem so mancher Souvenirjäger schon ein Stück Mauerwerk herunterkratzte. Die Fenster im Souterrain sind vergittert, dunkle Schlieren ziehen sich quer über die Fassade, frisch gestrichen wurde es schon lange nicht. Der verblasste Schriftzug „Volksbücherei Braunau“ stammt aus der NS-Zeit. Ein leeres Klingelschild neben dem Eingang und über dem Eichentor ein verschlungenes „MB“ im schmiedeeisernen Zierrat: MB steht für Martin Bormann, einst Privatsekretär Hitlers und Vermögensverwalter der NSDAP.

Das Haus war kein Ort des Terrors oder Massenmords, doch der Geist des „Führers“, der selbst dem Genie-Kult anhing, ist offenbar nicht totzukriegen. Hitler persönlich hatte daraus einen Mythos geformt: „Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. In diesem von den Strahlen deutschen Märtyrertums vergoldeten Innstädtchen, bayerisch dem Blute, österreichisch dem Staate nach, wohnten am Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts meine Eltern“, hatte er 1924 in „Mein Kampf“ geschrieben. Auch in Öl hatte der Kunstmaler seine Heimatstadt verewigt.

Für Nazis ist es ein magischer Ort. Früher steckten sie gelegentlich Blumen an die Fenster, heute posieren sie nächstens davor und stellen die Fotos dann online. Vor ein paar Monaten wurde das Mahnmal auf dem Bürgersteig vor dem Haus, ein roher Marmorblock aus dem Konzentrationslager Mauthausen, mit blauer Farbe beschmiert.

Mit dem Geisterhaus plagt sich die Republik Österreich schon mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Ein skandalöser – man kann auch sagen: typisch österreichischer Umgang damit zieht sich durch die vergangenen Jahrzehnte. Das Haus befindet sich, nun schon in dritter Generation, im Eigentum einer geschäftstüchtigen Familie, die bereits in 1930er-Jahren den Hitler-Tourismus geschickt vermarktete. Im Jahr 1938 verkaufte die Familie Pommer das Haus zu einem „Liebhaberpreis“, absurd überteuert, an Martin Bormann. Nach der Befreiung vom NS-Regime fiel es der Republik zu. Die Pommers klagten und bekamen es für eine geringe Abschlagszahlung im Jahr 1954 zurück. Die Witwe hatte damals argumentiert, sie seien niemals Nazis gewesen und hätten unter Druck verkauft. Sie hatte die unfassbare Chuzpe, zu behaupten, ihr Mann sei aus Kummer über den Verlust verstorben. Und sie war damit durchgekommen.

EINMARSCH DER WEHRMACHT ÜBER BRAUNAU AM 12.3.1938 Adolf Hitler nahm in seinem Automobil stehend die Ovationen entgegen.
EINMARSCH DER WEHRMACHT ÜBER BRAUNAU AM 12.3.1938 Adolf Hitler nahm in seinem Automobil stehend die Ovationen entgegen.

Seit damals verdienen die Pommers nicht schlecht an den Mietverträgen mit der öffentlichen Hand. 4800 Euro sind es mittlerweile im Monat. Im dritten Jahr steht das Haus nun schon leer, weil die jetzige Eigentümerin, Gerlinde Pommer, notwendige Umbauten für eine Nutzung verweigert, das Haus aber auch nicht an die Republik verkaufen will, jedenfalls nicht zu einem realistischen Preis.

So ist das Gemäuer menschenverlassen und wirkt noch unheimlicher als zuvor. Doch endlich kommt Bewegung in die unendliche Geschichte. Nachdem im vergangenen Jahr das Grab von Hitlers Eltern in Leonding, eine Pilgerstätte für Rechtsextreme aus aller Welt, dem Erdboden gleichgemacht worden war, hat nun das Innenministerin ein Gutachten in Auftrag gegeben, um eine Enteignung zu prüfen. Es wäre ein Präzedenzfall.

Was verbindet die Pommers mit Hitler? Weshalb hängt ihr Herz an diesem Haus? Warum verweigerten sie sogar die Anbringung einer Mahntafel „Nie wieder“ an der Fassade?

Schon im 17. Jahrhundert war das Haus eine Gaststätte gewesen mit angeschlossener Brauerei, Stall, Stadel, Sudhaus und Wohnräumen. Als Hitler zur Welt kam, hatte sein Vater, ein cholerischer Zollbeamter, kurz zuvor das dritte Mal geheiratet, eine sehr junge, entfernte Verwandte, die zu ihrem Ehemann anfangs „Onkel“ sagte. Die Hitlers bewohnten mit ihrer Haushälterin die Räume im zweiten Stock, wechselten aber bald das Quartier und mieteten sich in einem bis heute weitgehend unbeachteten Haus in der Linzer Straße in Braunau ein. In seinem Geburtstagshaus hatte Hitler gerade einmal die „Windeln vollgeschissen“, wie der Braunauer Bezirkshauptmann Georg Wojak zu sagen pflegt.

Als Josef und Maria Pommer im Jahr 1912 das Gasthaus für 58.000 Kronen übernahmen, war Hitler schon längst ein verkrachter Kunststudent in Wien, ein arbeitsloser Herumtreiber, der den Judenhass der Zeit in sich aufsog und in esoterischen Arierzirkeln verkehrte.

Ursprünglich nannten die Pommers ihr Wirtshaus „Zum braunen Hirschen“, doch weil es eine Lokalität diesen Namens in Braunau schon gab, stand an der Vorderfront einfach: „Gasthaus des Pommer“. 1920 kehrte Hitler erstmals an die Stätte seiner Geburt zurück, als Wahlkämpfer der NSDAP. Noch war er ein unbedeutendes Rädchen der Bewegung, doch bereits ein gefragter Aufwiegler. Hitlers Rede in Braunau ist aktenkundig, weil es bei dieser Versammlung zu einer Schlägerei gekommen war.

Braunau, das nur durch den Inn von Deutschland getrennt ist, erwies sich als fruchtbarer Boden. Die braune Au, ein Name wie ein Programm. Nirgendwo sonst feierten die Deutschnationalen so früh solche Wahlerfolge. 24 Prozent der Wählerstimmen erreichten sie 1919. In den 1930er-Jahren war das deutschnationale Kleinbürgertum bereits von fanatischen Jungnationalen unterwandert. SA-Trupps durchkämmten den Ort und rissen Sozialdemokraten das Parteiabzeichen vom Revers. In Deutschland stand die NSDAP an der Schwelle zur Macht, auf österreichischem Boden machte sie mit Sprengstoffanschlägen, Fememorden und Überfällen auf politische Gegner von sich reden. Dennoch votierte der Braunauer Gemeinderat im April 1933 mit knapper Mehrheit gegen die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Adolf Hitler, „dem Einzigen, auf den diese Stadt stolz sein könnte, dessentwegen es sich gelohnt hätte, dass diese Stadt überhaupt existiert in Zeit und Raum“ – so der expressionistische Maler Aloys Wach, dessen Werke später trotzdem als „entartet“ auf den Index kamen.

1933 wird Hitler deutscher Reichskanzler, in Österreich ist seine Partei verboten. Doch die Behörden sind machtlos gegen die neue Bewegung. 90 Braunauern wird der Passierschein für den Grenzübertritt nach Deutschland entzogen, doch die Heißsporne lassen sich in dunklen Nächten in einer Zille über die Inn auf die andere Seite bringen. Die Schleusung der illegalen Nazis wird, das geht aus Akten der Bezirkshauptmannschaft hervor, in der Gastwirtschaft des Pommer besprochen.

Im Oktober 1933 muss sich auch der Sohn der Pommers wegen NS-Propaganda verantworten. Er hatte in einem Nebenzimmer des Gasthauses eine entsprechende Rundfunksendung aus München mit Lautsprechern übertragen und schnell den Sender gewechselt, als die Polizei eintraf. Die Nazi-Rede war laut Strafakt bis auf die Gasse zu hören gewesen.

44 Jahre nach seiner Geburt spukt Hitlers Geist wieder im Geburtshaus und dröhnt durch die Gemäuer des „Gasthaus des Pommer“. Mehrere nationalsozialistisch eingestellte Braunauer hatten die Übertragung verfolgt, auch die alten Pommers im Schankraum. Der Sohn wird mit einer Geldstrafe belegt, sein Vater, der Gastwirt Josef Pommer, wird verwarnt, da „sein Lokal fast ausschließlich von Anhängern der nationalsozialistischen Idee frequentiert wird“ und er nicht das erste Mal „die Zusammenkunft von Nationalsozialisten bzw. deren Betätigung begünstigt“.

Ein halbes Jahr später ist die ganze Häuserzeile der Salzburger Vorstadt mit NS-Propaganda vollgeklebt („Zersprengt die Dollfuß-Ketten, nur Hitler kann uns retten“). Nach dem Juli-Putsch 1934, der Ermordung des austrofaschistischen Kanzlers Engelbert Dollfuß, finden Freudenkundgebungen in Braunau statt. Die Verfolgung der illegalen Nazis wird nun verschärft, doch schon 1936 wehen vom „Gasthaus des Pommer“ die roten Hakenkreuzfahnen.

Im Juni 1936 kommt Hitlers Schwester, Angela Hammitzsch, vormals Raubal, zu den Pommers und besichtigt das Geburtshaus ihres berühmten Bruders. Ein reger Hitler-Tourismus setzt ein. Das „Gasthaus des Pommer“ wird zu einer Pilgerstätte für betuchte Hitler-Anhänger. Pommer wandelt das Geburtszimmerdes „Führers“ im zweiten Stock des Hauses zu einem kleinen Museum um. Wie aus dem amtlichen Schriftverkehr hervorgeht, sind die österreichischen Behörden ratlos. Die NSDAP ist eine verbotene Partei, aber darf man die offiziellen Symbole eines Nachbarlandes verbieten?

Im Mai 1937 bekommt Pommer das offizielle Placet: Er darf das „Führerzimmer“ deutschen sowie anderen ausländischen Touristen zeigen, jedoch nicht Österreichern. Für seine Landsleute sei das „weiterhin unstatthaft“, so die oberösterreichische Sicherheitsdirektion.

Im Jänner 1938, zwei Monate vor der Machtergreifung der Nazis in Österreich, sind die Dämme gebrochen. Pommer lässt an seinem Gasthaus eine Ehrentafel für Hitler anbringen.

Als Hitler am 12. März 1938 mit der deutschen Wehrmacht in Österreich einmarschiert, kommt er über seine Heimatstadt. Ganz Braunau versinkt im Jubelrausch und in einem Meer von Hakenkreuz-Fahnen, Blumen und „Heil Hitler“-Rufen. Hitler fährt in seinem Automobil stehend an seinem Geburtshaus vorbei.

Im Mai 1938 wechselt das Haus den Besitzer. Martin Bormann erwirbt es im Auftrag der NSDAP für 150.000 Reichsmark, etwa das Vierfache des damaligen Verkehrswertes. Die dazugehörigen Grundstücke verbleiben im Eigentum der Pommers. In der NS-Lokalpresse ist zu lesen, dass sich die Verhandlungen in die Länge zogen, weil die Pommers den Kaufpreis in die Höhe trieben.

Braunau verhält sich in der NS-Zeit wie andere Kleinstädte, in denen jeder jeden kennt. Denunziationen sind an der Tagesordnung. Die Frau eines Hilfsarbeiters wird von ihren Nachbarn verpfiffen, weil sie in deren Küche sagte, sie „könnt vor Zorn dem Hitler ein Messer einirennen“. Einer Straßenarbeiterin wird die gegenüber einer Arbeitskollegin getätigte Bemerkung „Was können wir dafür, dass der Großschädel in Braunau geboren ist?“ zum Verhängnis. Nur das Hitlerhaus hat Braunau zu etwas Besonderem gemacht. Die Pommers erwerben mit dem Geld ein anderes Haus in Braunau. Das Wirtsgeschäft hängen sie an den Nagel. Ihr einstiges Gasthaus wird auf Kosten der NSDAP aufwendig saniert und für weitere 150.000 Reichsmark zu einem Kulturzentrum und einer „Volksbücherei“ umgebaut; die Scheunen und Ställe im hinteren Bereich werden abgerissen. In der „Braunauer Galerie“ geht es nun um „Blut und Boden, Seele und Landschaft“, überwunden sei die „Epoche der Scheinkunst“. Ausgestellt werden der Partei genehme Künstler, auch Alfred Kubin.

Mithilfe der Haushälterin der Hitlers, Rosalia Hörl, richtet man das Geburtszimmer Hitlers originalgetreu wieder ein, massenhaft werden Ansichtskarten von Haus und „Kinderzimmer“ unters Volk gebracht.

STRAFBESCHEID GEGEN POMMER JUNIOR IM OKTOBER 1933. Der Sohn wurde wegen NS-Propaganda bestraft, der Vater wurde verwarnt, weil das Gasthaus ein Nazi-Treffpunkt war.
STRAFBESCHEID GEGEN POMMER JUNIOR IM OKTOBER 1933. Der Sohn wurde wegen NS-Propaganda bestraft, der Vater wurde verwarnt, weil das Gasthaus ein Nazi-Treffpunkt war.
RÜCKSTELLUNGSANTRAG 1947. Die Witwe Pommer behauptete, ihr Mann sei aus Kränkung über den Verlust des Gasthauses verstorben.
RÜCKSTELLUNGSANTRAG 1947. Die Witwe Pommer behauptete, ihr Mann sei aus Kränkung über den Verlust des Gasthauses verstorben.
EINWAND DER GEMEINDE BRAUNAU IM RÜCKSTELLUNGSVERFAHREN Der Preis, der den Pommers von Bormann gezahlt wurde, war ein "ausnahmsweis hoher"
EINWAND DER GEMEINDE BRAUNAU IM RÜCKSTELLUNGSVERFAHREN Der Preis, der den Pommers von Bormann gezahlt wurde, war ein „ausnahmsweis hoher“.
RÜCKSTELLUNGSANTRAG DER POMMERS. Im Jahr 1954 bekamen sie das Haus von der Republik Österreich zurückerstattet.
RÜCKSTELLUNGSANTRAG DER POMMERS. Im Jahr 1954 bekamen sie das Haus von der Republik Österreich zurückerstattet.
HITLERS VERMÖGENSVERWALTER MARTIN BORMANN. Er erwarb das Gasthaus Pommer 1938 im Auftrag der NSDAP und zahlte einen "Liebhaber"-Preis.
HITLERS VERMÖGENSVERWALTER MARTIN BORMANN. Er erwarb das Gasthaus Pommer 1938 im Auftrag der NSDAP und zahlte einen „Liebhaber“-Preis.

In den letzten Kriegstagen Anfang Mai 1945 – Hitler hat sich im Führerbunker in Berlin bereits die Kugel gegeben – versucht ein Nazi-Stoßtrupp unter dem fanatischen Gauleiter Eigruber, das Geburtshaus in die Luft zu sprengen, was von US-Soldaten verhindert wird. Mit einer ganzen Division waren sie gegen Braunau vorgerückt, weil sie dort mit heftigem Widerstand rechneten. Ein US-Soldat jüdischer Abstammung ist der erste Soldat, der Hitlers Geburtszimmer betritt und den Stadtvätern das Versprechen abringt, dieses Haus zu einer „ewigen Erinnerung“ werden zu lassen. Es solle niemals leer stehen, damit es „nicht zu einem Schrein“ werde. Im November 1945 wird eine Ausstellung über das Grauen in den Konzentrationslagern gezeigt. Dann quartiert sich der amerikanische Geheimdienst CIC dort ein.

In Braunau ist bald alles wieder beim Alten. Die prominenten Nazis sind geflüchtet, die Honoratioren des Ortes stellen sich auf die neuen Verhältnisse ein. Die meisten behaupten, sie seien nie Nazis gewesen und nur unter Druck der NSDAP beigetreten. Straßen und Plätze bekommen neue Namen.

1946 wird die Bank für Oberösterreich und Salzburg von der US-Militärregierung zur Verwalterin des Hauses bestellt. 1947 geht es in die Verfügung der Gemeinde Braunau über. Martin Bormann ist beim Kriegsverbrecher-Tribunal in Nürnberg in Abwesenheit zum Tode verurteilt, sein Vermögen als verfallen erklärt worden. (Bormann war zwar schon im Mai 1945 bei der Flucht aus Berlin ums Leben gekommen, doch seine Leiche war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefunden worden.)

1947 klagte die Witwe Pommer auf Rückstellung des Hauses. Und hier beginnt der Skandal: Maria Pommer, damals schon eine betagte Frau, argumentierte in diesem Verfahren, sie und ihr Mann seien niemals Mitglieder der NSDAP gewesen und ihr Mann sei „aus Kränkung“ über den Verlust des Gasthauses schon 1942 verstorben. Die Nazis hätten sie als „unwürdig“ erachtet, das Gasthaus weiter zu betreiben.

Josef Pommer war 74 Jahre alt, als er starb. Die Meldung über sein Begräbnis in einer lokalen NS-Zeitung, bei dem halb Braunau und die gleichgeschaltete lokale NS-Feuerwehr anwesend waren, lässt nicht darauf schließen, dass die Pommers mit der Nazi-Herrschaft große Probleme hatten. Pommer gab an, sie hätten das Gasthaus freiwillig niemals für das Angebot von 150.000 Reichsmark verkauft, Bormann habe ihnen über seinen Anwalt ein Ultimatum gestellt, auf seinen Preisvorschlag einzugehen, und gedroht, die Sache notfalls „in anderer Form“ zu erledigen. Die Stadtgemeinde Braunau hielt laut Rückstellungsakt dagegen, der Verkaufspreis sei ein „ausnahmsweis hoher“ gewesen. Vergleichbare Häuser hätten damals „vielleicht 60.000 oder 70.000 Schilling“ gekostet und nicht 250.000 Schilling, wie es 150.000 Reichsmark entsprach.

Maria Pommer starb 1948. Ihre Tochter Kreszenzia, die das Verfahren weiter betrieb, führte auch noch den horrenden Verdienstentgang durch den Verlust des Gasthauses ins Treffen. 1945 bekam Kreszenzia Pommer das Haus für eine Abschlagszahlung von 150.000 Schilling von der Republik zurück. Ihr Bruder Josef hatte zu ihren Gunsten verzichtet – als aktenkundiger Nazi-Sympathisant hätte er die Opferrolle kaum überzeugend spielen können.

Das Verfahren gibt Rätsel auf: Warum hatte in Braunau niemand auf den innigen Flirt der Pommers mit den Nationalsozialisten hingewiesen?

Ein Vergleich mit dem einstigen Hitler-Refuguim in Obersalzberg zeigt, dass es auch anders ging. Auch dort hatte Bormann im Auftrag der NSDAP Landwirtschaften, Wiesen und Hotels aufgekauft – unter massiven Drohungen. Doch von bayerischer Seite wurden sämtliche Rückstellungsanträge abschlägig beschieden, weil die ehemaligen Eigentümer zwar unter Druck, aber zu marktüblichen, zum Teil sogar überhöhten Preisen und nicht als politische Verfolgte des Regimes verkauften – bis auf den Besitzer des Gasthofs „Zum Türken“, den die Nazis mit Boykott-Maßnahmen bestraft, enteignet und inhaftiert hatten.

Die Pommers dagegen machten mit dem Hitler-Geburtshaus weiterhin gute Geschäfte. Die Stadt Braunau mietete das Haus in den 1950-Jahren zur Unterbringung von Schulklassen an. Es herrschte Schulraumnot, man wollte aber auch nicht, dass das Gebäude zu einer Nazi-Kultstätte werde. Eine Zeit lang war dort die Stadtbücherei untergebracht. Zwischenzeitlich vermietete Pommer es an eine Bank, wandte sich aber immer wieder an die Gemeinde und lancierte, dass es auch andere Interessenten gebe, die sie jedoch nicht namentlich nannte.

Ende der 1960er-Jahre kündigte der Braunauer Tourismusobmann an, das Hitlerhaus kommerziell nutzen zu wollen. Ihm schwebte eine Art Museum vor. Kernstück sollte die Privatsammlung Kronberger sein, das Hobby eines Braunauer Bürgers, der alles zusammengerafft hatte, was ihm vom Dritten Reich in die Finger geraten war: Hitler-Bilder, Hakenkreuze, Orden, Waffen, Fahnen. Die Sammlung befindet sich heute im Keller des Bezirksmuseums unter Verschluss. Das Vorhaben führte zu weltweite Schlagzeilen und wurde abgeblasen.

Doch die Gerüchte von einer Übernahme durch ein Netzwerk von Ehemaligen wollten nicht verstummen. Einmal soll ein Interessent aus Straßburg sein Auge auf das Hitlerhaus geworfen haben. Dann wieder zeigte sich ein bayerischer Gastwirt interessiert. Aus Angst vor dem Entstehen einer Nazi-Kultstätte, in der womöglich „Hitlerschnitzel“ oder „Göring- Auflauf“ auf der Speisekarte stünden, so die damaligen Stadtväter, trat die Gemeinde Braunau an SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky heran. 1971 entschloss sich die Regierung, das Haus selbst anzumieten.

"GASTHOF DES JOSEF POMMER" IN DER NS-ZEIT (1), NACH DEM KRIEG (2), ALS NS-ANSICHTSKARTE (3). Schon drei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte Pommer sein Gasthaus mit Hakenkreuzfahnen beflaggt.
Profil Hitler-Haus Das Geisterhaus 11Profil Hitler-Haus Das Geisterhaus 9 „GASTHOF DES JOSEF POMMER“ IN DER NS-ZEIT (1), NACH DEM KRIEG (2), ALS NS-ANSICHTSKARTE (3). Schon drei Jahre vor der Machtergreifung der Nationsalsozialisten hatte Pommer sein Gasthaus mit Hakenkreuzfahnen beflaggt.
"GASTHOF DES JOSEF POMMER" NACH DEM KRIEG. Schon drei Jahre vor der Machtergreifung der Nationsalsozialisten hatte Pommer sein Gasthaus mit Hakenkreuzfahnen beflaggt.
„GASTHOF DES JOSEF POMMER“ NACH DEM KRIEG. Schon drei Jahre vor der Machtergreifung der Nationsalsozialisten hatte Pommer sein Gasthaus mit Hakenkreuzfahnen beflaggt.
HITLERS GEBURTSHAUS 2014. Seit drei Jahren steht das von der Republik gemietete Objekt leer.
HITLERS GEBURTSHAUS 2014. Seit drei Jahren steht das von der Republik gemietete Objekt leer.
US-SOLDATEN IM HITLER-ZIMMER 1945. Sie verhinderten die Sprengung und rangen den Stadtvätern das Versprechen ab, dass es nie leer stehen, sondern zu einer „ewigen Erinnerung“ werden solle.
US-SOLDATEN IM HITLER-ZIMMER 1945. Sie verhinderten die Sprengung und rangen den Stadtvätern das Versprechen ab, dass es nie leer stehen, sondern zu einer „ewigen Erinnerung“ werden solle.
DER "GASTHOF DES JOSEF POMMER" ENDE DER 1920er-JAHRE. Mit dem Aufstieg Hitlers in Deutschland setzte der Nazi-Tourismus ein.
DER „GASTHOF DES JOSEF POMMER“ ENDE DER 1920er-JAHRE. Mit dem Aufstieg Hitlers in Deutschland setzte der Nazi-Tourismus ein.
MAHNTAFEL-AFFÄRE 1984 Die Besitzerin verweigerte die Anbringung einer antifaschistischen Tafel an Ihrem Haus.
MAHNTAFEL-AFFÄRE 1984 Die Besitzerin verweigerte die Anbringung einer antifaschistischen Tafel an Ihrem Haus.

„Die Mietverhandlungen gestalteten sich schwierig, weil Kreszenzia Pommer einerseits einen möglichst hohen Mietpreis erzielen und andererseits möglichst viele Betriebskosten und Erhaltungslasten dem Mieter überwälzen wollte“, wie es 1984 in einem Gerichtsverfahren hieß, das Pommer anstrengte.

Am Ende wurde ein grober Fehler begangen: Die öffentliche Hand dachte damals nicht daran, das Haus zu einer Gedenkstätte zu machen oder es in seiner historischen Bedeutung zu kennzeichnen. Man wollte es „totschweigen“. Auch das geht aus dem Gerichtsverfahren von 1984 hervor.

Ein paar Jahre lang war die Dependance der HTL-Braunau darin untergebracht. 1976 zog die Lebenshilfe mit einer Behindertentagesstätte ein. Alle waren erleichtert. Das schien ein richtiges Symbol zu sein: Menschen mit Down-Syndrom in einem Haus unterzubringen, in dem einer geboren wurde, der solche Menschen ermorden ließ. Doch die Lebenshilfe brauchte barrierefreie Zugänge, und die Besitzerin, nunmehr schon die Pommer-Enkelin, verweigerte den Umbau. Sie gab sich in diesem Fall ebenso halsstarrig wie bei der Mahntafel-Affäre. 1983 wollte der Braunauer Gemeinderat eine Tafel mit der Aufschrift „Nie wieder Faschismus – Millionen Tote mahnen“ auf der Fassade anbringen. Doch am Morgen des 6. Oktober 1983, als Arbeiter anrückten, um eine entsprechende Ausnehmung in die Mauer zu meißeln, wurde eine einstweilige Verfügung des Bezirksgerichts zugestellt. Die Eigentümerin hatte eine Besitzstörungsklage gegen die Republik eingebracht, und sie hatte Recht bekommen. Der Zweck des Mietvertrages könne „nicht darin bestehen, gut sichtbar politische Erklärungen abzugeben, die mit dem Mietzweck nichts zu tun haben“, entschied der Richter nach gründlichem Studium des Mietvertrags.

Spätestens damals hätte man sich das Rückstellungsverfahren genauer ansehen müssen und sich nicht länger damit abfinden dürfen, dass die Besitzerin immer wieder unterschwellig mit dem Verkauf an unbekannte Interessenten drohte.

1989 wurde ein Mahnmal auf Gemeindegrund vor das Haus gestellt. Dagegen konnte Gerlinde Pommer nichts unternehmen.

Seit die Lebenshilfe 2011 ausgezogen ist, steht das Haus leer. Das führte zu skurrilen Ideen. Ein russischer Duma-Abgeordneter wollte es kaufen, um es in die Luft zu sprengen. Andere wollten, dass ein Wohnhaus daraus werde. Die Braunauer FPÖ erörterte gar die Einrichtung einer Baby-Klappe.

Die Besitzerin sperrt sich bis heute gegen jeden vernünftigen Vorschlag. Sie hintertreibt jede Nutzung mit historischem Bezug mit Verweis auf den Mietvertrag. Sie ist gegen das von dem Historiker Andreas Maislinger betriebene Projekt „Haus der Verantwortung“. Selbst als im vergangenen Frühjahr alle schon glücklich waren, mit Volkshilfe und Volkshochschule einen neuen Untermieter gefunden zu haben, sagte sie wieder Nein. Auch dafür hätte man nämlich die Räume adaptieren müssen.

Was will diese Frau? Was treibt sie an, der Republik seit Jahrzehnten die Nase zu drehen? Noch nie hat sie gegenüber der Öffentlichkeit über ihre Beweggründe gesprochen. Auch ihr Anwalt darf offenbar nicht Stellung nehmen.

Der zuständige Sektionschef im Innenministerin, Hermann Feiner, hat sie selten zu Gesicht bekommen.

Auch er verzweifelt allmählich. Frau Pommer sei eine kluge Frau, sagt er, und es klingt wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde. Aber so könne man einfach nicht weitermachen, sagt Feiner. Die Dame wolle weder umbauen lassen noch eine Gedenkstätte für die Opfer, und sie wolle das Haus auch nicht zu einem vernünftigen Preis an die Republik verkaufen. Einen „Liebhaberpreis“ werde man sicher nicht zahlen, sagt Feiner. Vor vier Wochen hat Feiner bei sämtlichen Stellen des Bundes angefragt, ob es eine neue Idee für die Nutzung gebe. Zeitgleich hat er ein Gutachten in Auftrag gegeben, ob eine Enteignung im öffentlichen Interesse möglich wäre. Es wird auch geprüft, „ob aus dem langjährigen Mietvertrag eigentumsähnliche Rechte aus öffentlichem Interesse abzuleiten sind“. Bisher wurden Enteignungen nur durchjudiziert, wenn es um den Bau von Straßen oder Eisenbahnstrecken ging.

„Bei so einem Objekt gibt es nicht nur staatsbürgerliche Rechte, sondern auch staatsbürgerliche Pflichten. Wenn ein Haus so belastet ist, muss sich auch die Eigentümerin andere Fragen stellen als jeder andere Hauseigentümer“, sagt Feiner in Richtung Pommer.

Gerlinde Pommer ist ein Phantom. Selbst alteingesessene Braunauer wissen so gut wie nichts von ihr. Sie bewohnt in Braunau das Haus, das ihre Großeltern vom Bormann-Geld kauften. Sie ist viel auf Reisen. Laut Firmenbuch ist sie Jahrgang 1950 und hat eine Konzession für den Betrieb von Tankstellen, Garagen- und Parkplatz-Bewirtschaftung. Ihr gehören das Grundstück hinter dem Hitlerhaus, die Garagenstellplätze, der Parkplatz und eine Hälfte des Nachbarhauses.

Selbst der Bürgermeister Johann Waidbacher (ÖVP), ein geborener Braunauer, kennt Frau Pommer kaum. Er würde gern wissen, „welche Intentionen sie hat“, sagt er.

Florian Kotanko, pensionierter Gymnasialdirektor und Obmann des Braunauer „Vereins für Zeitgeschichte“, der die großartige Website „braunauhistory.at“ betreibt, versteht ebenfalls nicht, was in Frau Pommer vorgeht. „Ob es ein Museum wird, ein,Haus der Verantwortung‘ oder eine soziale Institution dort einzieht – es sollte unbedingt einen Hinweis auf den historischen Bezug geben. Was geschehen ist, soll dokumentiert werden“, sagt Kotanko. Vor einiger Zeit hat er Gerlinde Pommer einen sehr persönlich gehaltenen Brief geschrieben, um die Fronten aufzuweichen. Eine Antwort hat er nie bekommen.

Böse Orte

Gori, Predappio, Shaoshan: Wie gehen die Geburtsstätten von Stalin, Mussolini und Mao mit den Schatten der Diktatoren um?

Die Stadtväter von Braunau hatten bis in die späten 1970er-Jahre hinein versucht, Hitlers Geburtshaus totzuschweigen – erfolglos, wie man heute weiß. Ganz anders der Umgang mit Stalin. Dessen Verbrechen und der Kult um seine Person waren zwar schon wenige Jahre nach seinem Tod in der sogenannten „Geheimrede“ von Nikita Chruschtschow auf dem Parteitag 1956 debattiert worden, doch allzu hart ging man mit dem Vermächtnis des kommunistischen Diktators nicht um. Vor allem Geheimdienstchef Lawrenti Beria wurde für das Gulag-System, die Verfolgung und Ermordung von Millionen Regimegegnern verantwortlich gemacht. Im ganzen Land wurden damals Stalin-Denkmäler verräumt, doch nicht in Georgien. Josef Dschugaschwili, besser bekannt unter seinem Kampfnamen Stalin, kam 1878 in Gori, in der Nähe von Tiflis zur Welt. In den 1930er-Jahren, zur Hochzeit des Stalinismus, wurde das kleine Häuschen, in dem Stalin seine ersten drei Lebensjahre verbrachte, vom Stadtrand in das Zentrum versetzt und von einer Art Tempel aus Glas und Marmor überwölbt. Darum herum wurden Parkanlagen und ein riesiges Museum errichtet. Auch nach dem Zerfall der Sowjetunion blieb der Ort eine Touristenattraktion. Die Ausstellung wurde freilich vollkommen neu gestaltet. Vor vier Jahren wurde die 17 Meter hohe Stalin-Statue in Gori abgetragen, doch viele fordern, sie wieder aufzustellen. Italiens Neofaschisten huldigen dem Diktator Benito Mussolini in dessen Geburtsort Predappio, einer kleinen Gemeinde zwischen Bolognia und Rimini, in der Hügellandschaft der Emilia-Romagna gelegen. Es gibt dort Souvenierläden mit Duce-Feuerzeugen, Mussolini-Büsten, SS-Abzeichen, Benito-Eis und Mussolini-Wein. Auch Hitler-Wein gibt es dort zu kaufen. Zu dem Haus, in dem Mussolini 1883 zur Welt kam, führt ein schlichtes Hinweisschild. Die Gemeinde hat es erworben und dort ein Museum eingerichtet. Hauptattraktion für Mussolini- Verehrer sind jedoch die Familiengruft auf dem Friedhof von Predappio und die Villa Carpena, ein Anwesen außerhalb der Ortschaft, in dem die Witwe Mussolinis bis zu ihrem Tod 1979 lebte. Ein Ehepaar aus der Lombardei hat das Haus von einem der Mussolini-Söhne gekauft und ein Privatmuseum daraus gemacht. Hier kann die Einrichtung im Originalzustand der 1940er-Jahre besichtigt werden, neben Kleidern der Witwe und Mussolinis zerfledderten Tennisschlägern. Mussolini gilt bei den meisten Italienern im Gegensatz zu Hitler als harmloser Diktator. Dass er ein brutales Unterdrückungssystem unterhielt, in den Kolonialkriegen in Ostafrika Giftgas einsetzte und 1938 die Rassengesetze einführte, scheint vergessen zu sein. Vollkommen ungebrochen gibt man sich dem Mao-Kult in China hin. Acht Millionen Menschen pilgern jedes Jahr nach Shaoshan, einer Stadt in der zentralchinesischen Provinz Huan. Das Geburtshaus aus Holz, in dem Mao Tse-Tung 1893 zur Welt kam, liegt heute in einer malerischen Parkanlage mit einem kleinen Teich und ist für die Besucher zugänglich. Im Museum von Shaoshan sind Maos Zahnbürsten ausgestellt, seine Pantoffeln, seine abgetragenen Strümpfe und seine rote Badehose. Kein Wort von Maos Machtexzessen und seiner Kampagne „Großer Sprung nach vorn“, die 20 Millionen Hungertote forderte, oder den Opfern der grausamen Kulturrevolution.

MUSSOLINIS GEBURTSHAUS IN PREDAPPIO. Die Gemeinde hat ein Museum daraus gemacht, im Ort blüht das Souvenirgeschäft mit Büsten und Mussolini-Wein.
MUSSOLINIS GEBURTSHAUS IN PREDAPPIO. Die Gemeinde hat ein Museum daraus gemacht, im Ort blüht das Souvenirgeschäft mit Büsten und Mussolini-Wein.
STALINS GEBURTSHAUS IN GORI. Die Keusche wurde ins Stadtzentrum versetzt und von einem Tempel aus Marmor überdacht.
STALINS GEBURTSHAUS IN GORI. Die Keusche wurde ins Stadtzentrum versetzt und von einem Tempel aus Marmor überdacht.
Christa Zöchling
http://www.profil.at/autoren/christa-zoechling
Profil 46
/wp-content/uploads/2014/11/profil-hitler-haus-das-geisterhaus.pdf

Leave a Reply

Your email address will not be published.