Der junge Mussolini – Plötzlich war das Böse da

Was ließ den jungen, politisch bewegten Mussolini vor genau hundert Jahren zum kriminellen Menschenfeind mutieren? Eine Ausstellung in seinem Geburtsort in der Emilia-Romagna sucht Antworten.

Eine stimmungsvolle Ausstellung im Braunauer Geburtshaus von Adolf Hitler über die politischen Anfänge des Führers – und danach ein Besuch im prächtigen, mit Fahnen geschmückten Mausoleum? Allein schon der Gedanke ist so scheußlich, dass deutlich wird: Der deutsche Nationalsozialismus lässt sich nicht mit dem italienischen Faschismus gleichsetzen, vor 1945 nicht und auch nicht bei der Erinnerungskultur.

Denn in Italien ist genau das möglich und wird vom lokalen Tourismusamt sogar beworben: eine Fahrt nach Predappio an die Wiege Benito Mussolinis, wo seine – allerdings schwer verstümmelten – Überreste in einer Kirche auch begraben liegen, als handele es sich um eine ehrbare Politgröße.

Seite an Seite mit Gemahlin Donna Rachele ruht hier der vermeintliche Familienmensch, der Italien in den Zweiten Weltkrieg und dann in einen ebenso blutigen Bürgerkrieg riss. Von der unglücklichen Claretta Petacci, die mit dem Duce bei Kriegsende floh, die ihre Juwelen in der Unterwäsche versteckte und ebenso wie ihr Lover am Comer See von Partisanen erschossen wurde, ist in frommer ehelicher Eintracht selbstverständlich nicht die Rede.

Eine schmierig-weihevolle Inszenierung

Trotzdem oder gerade wegen der schmierig-weihevollen Inszenierung – bis heute zieht der Geburtsort des Duce, den er selbst erst ab 1927 aus einem Straßengehöft zur Ortschaft ausbauen ließ, alte Kameraden und junge Adepten magisch an. Allerdings sinkt in den letzten Jahren die Anzahl der Pilgerbusse, so dass dies gebeutelte Städtchen in den Hügeln der Romagna sich endlich mit gebührender Distanz seiner Geschichte stellen kann.

Bis heute sind allerdings die Devotionalienläden voller Faschistenfahnen, Schwarzhemden, Duce- und Hitlerbüsten und anderem unappetitlichen Souvenirkram unübersehbar. Die Abkunft des Faschistenführers aus dem Kernland des italienischen Sozialismus hat zu der absurd-italienischen Situation geführt, dass Predappio ein Ort mit stabiler linker bis exkommunistischer Mehrheit ist, dessen Bewohner sich zu einem guten Teil vom Verkauf rechtsextremer Propagandaartikel ernähren. Immerhin ist Predappio – man könnte sich an der Ortstafel fast verlesen – mit dem nordhessischen Breuna und nicht mit dem oberösterreichischen Braunau verschwistert.

Die Schau „Il giovane Mussolini“ bedeutet den ersten ernsthaften Versuch, von Verherrlichung respektive Verdrängung zur Historisierung des unleugbar bekanntesten Sohnes der Stadt überzugehen. Ein wissenschaftliches Komitee unter dem Neuzeithistoriker Maurizio Ridolfi wurde gegründet; flankiert wird das Ganze vom besorgten Bürgermeister Giorgio Frasinetti, der in einem Video einzig von der historischen Analyse des Werdegangs spricht.

Einst ein folgsames Muttersöhnchen aus der Provinz

In der Tat geht es um diese Frage: Wie konnte aus dem Sohn eines Schmieds und pazifistischen Dorfschulmeisters der martialische Kriegsherr des italienischen Imperiums werden? Wie wandelte sich der atheistische Sozialistenführer in einen Staatsmann, der mit dem zufriedenen Vatikan jene Lateranverträge aushandelte, die im Kern bis heute das Verhältnis von Staat und Kirche in Italien regeln? Und was machte aus dem folgsamen Muttersöhnchen aus der Provinz den pompösen Duce in Rom?

Mit den bescheidenen Mitteln des kleinen Predappio lassen sich solch welthistorische Rätsel freilich überhaupt nicht lösen, doch ist das dokumentarische Interesse sine ira et studio zu loben: Man hat allerhand zuvor bis dato nicht aufgearbeitetes Quellen- und Bildmaterial aus jenen frühen Jahren zusammengetragen, an welche Mussolini nicht nur wegen seiner notorischen Frauengeschichten nur ungern erinnert wurde. Denn er war seit seiner Jugend der anarchosozialistischen Bewegung fanatisch verbunden, die vor allem in der stärker industrialisierten Romagna rund um Forlì zahlreiche Anhänger fand und das Regionalgefühl bis heute durchdringt:

Der Duce war damals ein Roter mit revolutionärem, antiklerikalem Eifer, dessen drei Vornamen Benito Amilcare Andrea vom Vater mit gewisser Hellsicht nach namhaften Sozialisten ausgewählt wurden.Zeitungsnachrichten, Fotos und sogar ein frühes (linkes) Propagandagemälde zeugen von diversen Verhaftungen, die der Hitzkopf erdulden musste. Doch schon in Schulaufsätzen des Sechzehnjährigen über Meinungsfreiheit und Klassenfrage wird ablesbar, dass dieser Mussolini von Anfang an ein Vollblutpolitiker war.

Fragen der Familie oder der Kunst werden fast immer mit dem politökonomischen Gesamtzusammenhang bearbeitet; alles ist politisch – das ist der moderne Zug an diesen 167 Zentimetern Besserwisser vom Land. Und es ist fast überraschend, wenn der getriebene Kopf beim frühen Tod der Mutter in einem Brief an den Freund Alfredo Polledro elegischere Töne trifft. Doch sogar dann bricht die Ideologie durch: Er sei „auch in dieser traurigen Stunde meines Lebens immer ein unerschütterlicher Soldat des revolutionären Sozialismus“.

Er machte sich vor dem Militärdienst in die Schweiz davon

Zum Agitator und Berufspolitiker geboren, macht sich ausgerechnet der spätere Kriegstreiber 1902 vor dem Militärdienst in die Schweiz davon, nachdem er sich vorher als Dorfschullehrer versucht hatte. Auch unter den italienischen Gastarbeitern in und um Bern und Genf agitiert der junge Romagnole unverdrossen, was ihm mehrere kantonale Ausweisungen, aber auch ersten Ruhm als Redner und Autor (etwa einer antiklerikalen Broschüre gegen die „schwarzen Scharlatane“) einbringt.

Nach einer Zwischenphase in Predappio und Forlì geht Mussolini 1909 auf Parteibefehl nach Trient, ins damals habsburgische Ausland, dessen italienischsprachige Minderheit den Nationalisten als Brückenkopf fürs Aufwiegeln diente. In jene habsburgische Zeit in Trient – und das ist eine der wenigen frühen Parallelen zu Adolf Hitler – fällt die Bekehrung vom Internationalisten zum Chauvinisten. Auch Mussolini hält nun nicht mehr die revolutionäre Lösung der Klassenfrage, sondern eine Volksbefreiung entlang der Sprachgrenzen durch den Staat für vorrangig.

Diese Trennlinie zum nobel pazifistischen und streng an der Armutsfrage orientierten Sozialismus ist es dann auch, die zwangsläufig zum Politskandal des Parteiausschlusses im Dezember 1914 führt: Avanciert zum prominenten Chefredakteur des sozialistischen Parteiblattes „Avanti!“, verherrlicht Mussolini plötzlich den entstehenden Weltkrieg als reinigendes Stahlbad der Nation und findet sogleich Financiers und Leser für sein neues, präfaschistisches Organ „Il popolo d’Italia“.

Kalte Modernität der Menschenformung

Es war der Erste Weltkrieg, das zeigt sich deutlich, der fast auf den Tag in Italien die neue Unheilsideologie gebar, die Europa mit dem Zweiten Weltkrieg endgültig in den Suizid führen sollte. Militärisches Führertum, Aggression, Waffengläubigkeit und kalte Modernität der Menschenformung – alles ist da. Doch genau an diesem Punkt, Ende 1914, bricht die Ausstellung ab, was angesichts der Komplexität des Themas und der Begrenztheit Predappios wohl auch besser ist. Vom Menschen Mussolini zeigt die Schau freilich weniger, als man hoffen konnte.

Doch das ist eher die Schuld Mussolinis, der entweder wenig Privatleben kannte oder später – wie Hitler – sorgfältig alle Spuren zu verwischen suchte. Doch an eine durch Briefe dokumentierte, außereheliche Äffäre wie die mit der zum Islam übergetretenen Autorin Leda Rafanelli hätte man ruhig erinnern können. Ob hier nicht doch der peinliche Versuch vorliegt, es sogar den Mussolinianern unter den Besuchern recht zu machen?

Fragen über Fragen: Ob sein frommer Bruder Arnaldo Benito tatsächlich mit dem Katholizismus versöhnte? Ob seine geliebte Mamma Rosa ihm als Lehrerin ein geistiges Vorbild war? Wie später hinter dem Geschrei des operettenhaften Duce verrauscht auch hier manches wünschenswerte Detail, das Aufschluss gegeben hätte über den Hass und die Mordlust später Jahre, über die ohnehin dezent geschwiegen wird.

Erste skizzierte Heiligenbildchen von der Hand von Freunden – der junge Mussolini geigt fürsorglich an der Wiege seiner Tochter, Mussolini mit fanatisch-irrem Blick im Kaffeehaus – geben da ebenso wenig Einblick ins Familiär-Psychologische wie Triptychen des Vaterhauses oder eine kitschige Riesenbüste das Papas aus späterer Zeit. So bleibt am Ende die Frage, die das halb vergilbte Gesicht auf der Fotografie eines Rotzbengels von 1892 oder 1897 nicht beantwortet: Wie konnte nur aus so viel Banalität so viel Böses entstehen?

Dirk Schümer
Frankfurter Allgemeine Zeitung
http://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/der-junge-mussolini-ploetzlich-war-das-boese-da-12768115.html

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