Die Vergangenheit wirft weite Schatten

Wie Städte versuchen, mit ihrem unerwünschten braunen Erbe fertig zu werden.

DACHAU/BRAUNAU – Es gibt wenige Worte auf dieser Welt, die in allen Sprachen, von allen Völkern verstanden werden. Eins davon ist „Dachau“.

Die Stadt lebt mit einer schweren Vergangenheit. Ihr Name ist unauslöschlich mit dem nationalsozialistischen Konzentrationslager verknüpft, weltweit verdichtet zum Symbol für Verfolgung, Folter, Mord und Terror. Dachau ist aber bei weitem nicht das einzige Beispiel, fürchterliche Ereignisse auf den Ortsnamen zu reduzieren. Das jüngste Exempel heißt Hoyerswerda.

So endlos die Geschichte des Leids, so lang ist auch die Kette der belasteten Namen: Theresienstadt und Mauthausen, Standorte von Konzentrationslagern. Kielce in Polen, 1946 Schauplatz eines brutalen Pogroms; Nürnberg, Stadt der Reichsparteitage und Rassegesetze; Vichy, Symbol der Kollaboration und Judendeportation in Frankreich. Der Wahn findet kein Ende: Bautzen, Wels, Offenhausen, Wunsiedel…

Lassen sich all diese Städte, die nichts anderes vereint, als die Last schrecklicher Geschehnisse, in einen Topf werfen? Ein eher gewagtes Experiment. Sein Schauplatz war jetzt Braunau, die Geburtsstadt Hitlers. Mit der Tagung „Unerwünschtes Erbe“ stellte die oberösterreichische Grenzstadt am Inn ihre neue Institution, die „Zeitgeschichtstage„, vor, die von nun an jedes Jahr stattfinden sollen. Aus Bayern folgten gleich drei Städte der Einladung: Nürnberg, Dachau und Wunsiedel.

Den Tagungsteilnehmern – die Runde umfaßte Bürgermeister, Historiker und Heimatforscher – erklärte Andreas Maislinger von der Universität Innsbruck den Sinn ihres Kommens: „Wie hilft man kleineren Orten, die erdrückt werden von diesem Stigma. Großstädte, etwa München, die „Hauptstadt der Bewegung“, haben solche Probleme nämlich kaum.“ In der bayerischen Metropole seien die Schatten der Vergangenheit längst überdeckt durch das Image „Gemütlichkeit, Hofbräuhaus und Glockenspiel“.

Von einer Solidarität der belasteten Städte war auf der Tagung nur in Ansätzen etwas zu spüren. Dachau, so befand Wunsiedels erster Bürgermeister Otto Rothe (SPD), gehöre eindeutig zu den „Greuelstädten des Dritten Reichs“. Dann gebe es hier aber auch andere Städte, etwa Wunsiedel, „die das nicht waren“ – und Nürnberg mit einer Art.

Dietrich Mittler
Süddeutsche Zeitung
http://www.sueddeutsche.de

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