Doppelte Last der doppelten Vergangenheit

Die Lager-Gedenkstätte Buchenwald sucht neue Wege

Jahrelang erschienen die Verhältnisse in der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar einfach und übersichtlich. Täter und Opfer waren eindeutig identifiziert. Die DDR benützte das Konzentrationslager Buchenwald, um ihre Legitimation als antifaschistischer Staat zu stützen. Aber Buchenwald war nach dem Krieg auch ein sowjetisches Lager, und an der Aufarbeitung dieser Tatsache scheiden sich heute die Geister.

H. Sf. Weimar, im Januar

Über den weiten, leeren Platz fegt ein beissender Wind und treibt einem eisige Schneekristalle ins Gesicht. Buchenwald im Winter ist ein Ort, an dem es leichtfällt, die Erinnerung an den Schrecken der NS-Geschichte unmittelbar in Anschauung und Empfindung zu übersetzen. Der Augenschein am Schauplatz vergangener Verbrechen wirkt so nachhaltig und eindeutig, wie dies historischer Aufklärung sonst nur selten gelingt.

Dennoch täuscht die Eindeutigkeit und Anschaulichkeit der Erinnerung. Denn gerade Buchenwald ist der Ort, an dem Geschichte nur in mehrfacher Brechung sich erschliesst. Wo die Verhältnisse jahrzehntelang ganz übersichtlich schienen und die säuberliche Unterscheidung zwischen Helden und Schurken, zwischen Tätern und Opfern ganz einfach war, herrscht plötzlich ein Zwielicht. Mit dem Aufbrechen jener versteinerten Erinnerung, die in der DDR den «Antifaschismus» zum Legitimationsmythos des ostdeutschen Staats machen sollte, erweist sich die jüngere deutsche Geschichte als Trümmerfeld, das sich gegen die Versuche vergangenheitspolitischer Sinnstiftung sperrt.

Denn Buchenwald war nicht nur zwischen 1937 und 1945 ein Konzentrationslager im System der SS, in dem insgesamt etwa 250 000 Menschen eine Zeitlang inhaftiert waren, von denen 56 000 zu Tode kamen. Vom August 1945 bis zum Februar 1950 wurde es als sowjetisches «Speziallager Nr. 2» fortgeführt, in das die Besatzungsmacht 28 500 Menschen einsperrte und mehr als 7000 sterben liess oder umbrachte. Waren vor 1945 politische Gegner, nach rassistischen Kriterien für «minderwertig» Erklärte und «Asoziale» die Opfer, so traf die Verfolgung der Sowjets und ihrer deutschen Handlanger nach Kriegsende unterschiedslos grosse und kleine NSDAP-Mitglieder sowie zu einem erheblichen Teil gänzlich Unschuldige. Insgesamt gab es mindestens zehn solcher Speziallager im Osten.*

Die deutsche Vereinigung hat es möglich gemacht, dass jetzt auch dieser Teil der Geschichte Buchenwalds in die öffentliche Erinnerung aufgenommen wird. Seit 1997 steht hart am Rande des einstigen Lagers ein grauer Betonbunker, der in einer Ausstellung Quellen und Dokumente zum «Speziallager Nr. 2» versammelt. Ein Katalog dazu ist erst 1999 erschienen. Wer freilich glaubt, dass mit dieser Aufarbeitung der «doppelten Vergangenheit» Buchenwalds der Blick in die Geschichte zur Ruhe gekommen ist, der irrt. Die unterschiedlichen Häftlingsgruppen beider Lager treten einander seitdem oft unversöhnlich gegenüber, streiten um ihre Plätze in einer Hierarchie der Opfer und damit auch um Lesarten der Vergangenheit.

Die Vertreter der überlebenden Häftlinge des «Speziallagers», deren Schicksal in der DDR vergessen gemacht worden ist, setzen dabei auf die Gleichrangigkeit aller Opfer politischen Terrors, während die Organisationen der KZ-Häftlinge, auch heute noch stark von KP-Mitgliedern beeinflusst, darin gerade einen Angriff auf ihre Deutungshoheit über die NS-Geschichte sehen. Und da die Wiederentdeckung der «Speziallager»-Geschichte mit der deutschen Vereinigung zusammenfiel, überrascht es nicht, dass in ihrer Sicht jeder Versuch der doppelten Erinnerung als Schritt auf dem neudeutschen Wege zur Entsorgung der Vergangenheit gilt.

Kampf der «Opferkonkurrenten»

Mit Erbitterung und nahezu ohne jede Bereitschaft zum Gespräch miteinander beobachten die «Opferkonkurrenten» (so der Historiker Alexander von Plato) argwöhnisch jede architektonische Entscheidung über Lage und Bauweise des «Speziallager»-Museums oder erregen sich über Placierung und Sichtbarkeit entsprechender Hinweistafeln auf dem Gelände des ehemaligen KZ. In der wirren Weltsicht des linksradikalen «antifaschistischen» Pöbels ist mit dem Einbezug des «Speziallagers» in die Gedenkstätte gar ein Kultort der Neonazis entstanden, den man auch mit einer Schändung der Gräber bekämpfen darf.

Die Gedenkstättenleitung hat sich in Ausstellung und Katalog dafür entschieden, historisch und politisch zu differenzieren: In ihrer Inszenierung der Geschichte steht der NS-Staat und sein Aggressionskrieg gegen die Sowjetunion am Anfang, während der Terror im «Speziallager» als eine nicht nur zeitliche Folge gesehen werden soll. Hinweise auf die NSDAP-Mitgliedschaft eines erheblichen Teils der Häftlinge könnten beim Besucher und Leser sogar Verständnis für diese Form der «stalinistischen Entnazifizierung» (so der Historiker Lutz Niethammer) nahelegen.

Für Gerhard Finn, der als 15jähriger junger Mann von den Sowjets ins Lager gesteckt wurde und heute als Vorsitzender der «Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft» amtiert, sind solche Formulierungen anstössig: «Man will das Speziallager als Antwort auf die Nazi-Herrschaft rechtfertigen und vergleicht deshalb diese sowjetischen Lager mit westalliierten Internierungs-Camps. Viel wichtiger wäre der Bezug zum sowjetischen Gulag-System, das nach 1945 auch nach Deutschland exportiert wurde. Sonst werden die Sowjet-Lager verharmlost.»

Bodo Ritscher, Kustos der Gedenkstätte und mitverantwortlich für Speziallager-Ausstellung und Katalog, versteht solche Empfindungen. Er verteidigt aber das Konzept der differenzierenden Aufklärung: «Jede Opfergruppe hat das Recht auf einen würdigen Begräbnisplatz für ihre Toten und muss Gelegenheit zum individuellen Gedenken haben. Aber die öffentliche Erinnerung ist etwas anderes, da geht es auch um soziale Anerkennung, und die kann nicht allen in gleicher Weise zuteil werden.» Für den skrupulös arbeitenden Historiker ist aber klar, dass hier jedes Urteil sorgfältig erwogen und belegt wird.

Kritische Selbsterkundung

Die ursprünglich stark pädagogisch-moralische Botschaft der Gedenkstätte ist damit auf ein Minimum reduziert. Vergangenheit wird hier historisiert und kaum noch den Sinnbedürfnissen der Gegenwart unterworfen. Für Bodo Ritscher ist das ein grosser Gewinn, der erst nach 1989 möglich wurde. Denn der 1948 geborene Historiker arbeitet schon seit 1981 in der Gedenkstätte und hat an ihrer Inszenierung als Nationaldenkmal der DDR mitgewirkt. In einem bemerkenswerten Prozess der kritischen Selbsterkundung hat er seitdem an der Schliessung politisch erzeugter Erinnerungslücken mitgearbeitet. Seine Fähigkeit zur ebenso selbstbewussten wie selbstkritischen Reflexion der eigenen Verwicklung in die Instrumentalisierung von Geschichte hat Buchenwald auch zu einer Herausforderung an die eigene Biographie werden lassen: «Wer sich mit der Geschichte dieses Ortes befasst, kann seiner eigenen Vergangenheit nicht ausweichen.»

Diese Form der historischen Erinnerung ist freilich anstrengend. Sie löst die fixen Geschichtsbilder auf und setzt auf Zeitgenossen, die durchaus eher an den Widersprüchen und den Brüchen in der historischen Überlieferung interessiert sind als an simplen und überschaubaren Deutungen.

Das, was in Buchenwald geschah, und der vielfach gebrochene Umgang mit der Erinnerung daran sollen zugleich ins Bewusstsein gehoben werden. Deshalb wird die Ausstellung über das KZ und über das sowjetische «Speziallager» im neuen Jahr um eine weitere Präsentation ergänzt, die die Geschichte der Gedenkstätte in der DDR zeigen wird. Ob freilich die Besucher diesem sehr komplexen Angebot folgen können, ist nicht gewiss. Die Einträge in den Gästebüchern zeigen, wie oft die verschiedenen Schichten der Vergangenheit wild durcheinandergeworfen werden.

* «Das sowjetische Speziallager Nr. 2». Katalog zur ständigen historischen Ausstellung. Göttingen 1999. – Peter Reif-Spirek, Bodo Ritscher (Hg.): Speziallager in der SBZ. Gedenkstätten mit «doppelter Vergangenheit». Berlin 1999.

Neue Zürcher Zeitung
http://www.nzz.ch

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