Ein unerwünschtes Erbe: Wie Braunau und das Berchtesgadener Land mit ihrer faschistischen Geschichte umgehen

Jeder Besucher stellt die Frage: "Wo ist das Hitler-Haus?" Österreichs Innenminister möchte das Problemhaus in eine Gedenkstätte umwandeln – Kritische Aufarbeitung der Vergangenheit.

BRAUNAU – Die Frage geht den Bewohnern gehörig auf die Nerven. Jeder Fremde, der sich suchend auf dem schmucken gotischen Stadtplatz von Braunau umschaut, stellt sie – mal forsch, mal vorsichtig: „Wo ist das Hitler-Haus?“ Die Braunauer deuten nur noch resigniert die Richtung an, durchs Tor, auf der linken Seite.

Salzburger Vorstadt 15, der Altbau aus dem 16. Jahrhundert wirkt schäbig im Umfeld der frisch renovierten Häuserzeilen; die abblätternde Aufschrift „Volksbücherei“ deutet auf die frühere Verwendung, aber kein Hinweis sagt, daß hier im ersten Stock die Familie Hitler wohnte (als Adolf Hitler drei Jahre alt war, zog sie um nach Linz). Das Gebäude ist für Touristen nicht zugänglich, es dient dem Verein Lebenshilfe als Tagesheimstätte. Auf dem Bürgersteig davor ein Gedenkstein, der die Abstandshaltung der Braunauer symbolisiert: „Nie wieder Faschismus / Millionen Tote mahnen“.

Die oberösterreichische Grenzstadt im Innviertel aber kann das unerwünschte Erbe ebensowenig abschütteln wie andere namentlich belastete Orte. Das Gebäude einfach abzureißen, wäre die einfachste und für viele die beste Lösung, um auf Dauer zu verhindern, daß alte und junge Nazis zu Hitlers Geburtshaus wallfahren. Doch Bürgermeister Gerhard Skiba (SPÖ) möchte das Tabuthema nicht totschweigen, sondern zur ernsthaften Auseinandersetzung nutzen. Geplant ist, das stigmatisierte Haus in ein Dokumentationszentrum „Österreich und der Nationalsozialismus“ umzuwandeln. „Dabei soll nicht nur die Opfer-, sondern auch die Täterrolle Österreichs aufgezeigt werden.“

Komplizierte Verhältnisse

Die Idee für eine Gedenkstätte wird in Braunau schon lange diskutiert, aber erst jetzt ist sie offiziell. Denn Innenminister Franz Löschnak hat angekündigt, daß er das Geburtshaus Hitlers „zu einem Ort der Information über die von Adolf Hitler geprägte Form des Faschismus“ machen will – noch schnell zum 50. Jahrestag der Befreiung 1995. Der Bürgermeister freilich kennt die komplizierten Verhältnisse. Der Bund hat das Haus vor 20 Jahren gemietet, die Stadt Braunau als Untermieter eingesetzt, die wiederum die Lebenshilfe dort unterbrachte. Der Bund müßte das Haus von der Privatbesitzerin kaufen und für die Behinderten eine neue Bleibe finden. Darüber hinaus weiß niemand genau, wer das Projekt finanziert.
Politologe Andreas Maislinger jedenfalls möchte die neue Bestimmung des Problemhauses nicht allein dem „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ (DÖW) überlassen. Er hält das DÖW in Wien für eine Einrichtung, die jahrzehntelang versucht habe, der bewiesenen Mittäterschaft vieler Österreicher den Widerstand anderer Landsleute gegenüberzustellen. „Österreich als Staat war im März 1938 Opfer, aber nach dem Anschluß waren viele Österreicher Täter, die Anteil am Zustandekommen des Holocaust hatten.“

Daß Maislinger von manchen als Nestbeschmutzer beschimpft wird, bestärkt den unerbittlichen Mahner nur, der mit den „Braunauer Zeitgeschichtetagen“ ein neues Forum für die Aufarbeitung der Vergangenheit begründete. „Es ist endlich an der Zeit, mit dem wehleidigen Verdrängen und Herummogeln aufzuhören“, meint der Politologe. Ihm wäre es lieber, das Hitler-Haus würde sachlich beschildert; den Granitblock mit dem Bekenntnis gegen Krieg und Faschismus findet er „sehr problematisch und eher geschmacklos“. Doch die Stadt wollte 1989 mit dem Gedenkstein unbedingt ein Zeichen setzen: Man fürchtete zum 100. Geburtstag von Hitler nicht nur einen Neonazi-Aufmarsch, sondern auch reißerisch-diffamierende Medienberichte. Bürgermeister Skiba fuchst es, daß Braunau stets als Wallfahrtsort und Kultstätte der Nazis durch die Presse geistert.

Würstchen in der Sonne

Ortswechsel zum Obersalzberg: Was tut man dort mit unsäglicher Geschichte, die sich im schönsten Berchtesgadener Land niedergelassen hat? Die meisten der 300 000 Besucher pro Jahr wollen vor allem die grandiose Aussicht vom Kehlstein genießen, ein paar Würstchen essen und Fotos machen. Wenn dazu die Sonne scheint, der Watzmann grüßt und der Blick bis nach Italien reicht, dann hat Hitler seine Schuldigkeit getan. Nur wer fragt, weil er’s nicht besser weiß, bekommt dumme Antworten. Zum Beispiel vom „ehemaligen Kommandanten am Obersalzberg“, Bernhard Frank, dessen Buch Geheimnis Kehlstein in allen Sprachen rund um den Berg vertrieben wird.

Wie in einem Familienalbum wird Hitler da als friedlicher Urlauber präsentiert, der sich im Kreise seiner Getreuen im „Adlerhorst“ von den Strapazen der Geschäfte erholt, da sieht man Eva Braun mit Schäferhund und Goebbels. Der Leser erfährt viel von den grandiosen Baumaßnahmen durch Bergmassive und daß Hitler unter Höhenangst litt, aber nichts darüber, daß im „Eagle’s Nest“ der Vernichtungsfeldzug geplant wurde.

Die Hitler-Nostalgie in Hochglanzbroschüren aber kann die Kurdirektion von Berchtesgaden nicht verbieten. „Das wäre Sache des Staatsanwalts“, sagt Marketingleiterin Gabriele Deml. Ebenso schwierig scheint die Rechtslage für die Einrichtung einer Gedenkstätte. Ein entsprechender Antrag der SPD-Marktgemeinderäte wurde vom Gemeinderat in Berchtes gaden abgelehnt. Begründung: nicht zuständig. Nun hofft die Kurverwaltung, daß ihr wenigstens ein Raum im Kehlsteinhaus für eine kritische Geschichtsbetrachtung überlassen wird.

Kerstin Möller
Nürnberger Nachrichten
http://www.nordbayern.de/

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