Es gibt kein Bier im Hitler-Haus

In Braunau spricht man nicht gern von der Vergangenheit / Immer wieder Ärger mit Adolf / Furcht vor einer schwarzgekleideten Frau

Es gibt kein Bier im Hitler-Haus! Amerikanische Touristen mussten dies enttäuscht feststellen, als sie jetzt nach Braunau kamen und in jenem Anwesen, wo „er“ geboren ist, eine florierende Gaststätte vorzufinden hofften. US-Zeitungen hatten seit langem angekündigt, dass dort eine „Beerhall“ im Entstehen sei. Doch dies war eine Spekulation – noch! Eine Reise über die Grenze zeigt, dass es rund um das Hitlerhaus noch manches gibt, worüber man nicht gern spricht.

Gruß an der Grenze

Es gibt am Grenzübergang so gut wie keine Passkontrolle. Weder in Simbach noch in Braunau. Die Beamten diesseit und jenseits der weißblauen Grenzpfähle salutieren freundlich. Schließlich fahren hunderte von Braunauern täglich in unser Land zur Arbeit – und im „Austausch“ dagegen jedes Wochenende Hunderte von Bundesdeutschen auf die österreichische Seite, weil es in den Gasthäusern im Inn-Salzach-Dreieck ausgesprochen billig ist. Die Deutschen, die nach Braunau kommen, schlendern den Stadtplatz hinab, und da kann es gar nicht ausbleiben, dass sie schließlich auch in der „Vorstadt“ anlangen, die man gleich durch das große Tor erreicht. Dort endlich steht „es“. Nämlich das Haus „Salzburger Vorstadt Nummer 15“, um dessentwillen Braunau am Inn eine Stadt im Verruf ist. Denn hier hat am 20. April 1889 um 18.30 Uhr Frau Klara Hitler, geb. Pölzl, einen Knaben mit Namen Adolf geboren. Beistand bei der Geburt leisteten die Hebamme Franziska Pointecker sowie die Schwester der Kindesmutter, die „bucklige Johanna“ genannt, die im Hitlerschen Haushalt lebte.

Adolf, der Säugling wurde am 22. April um 3.15 Uhr vom Benefizaten Ignaz Probst getauft und erhielt zum Namen Adolf keine weiteren Beinamen. Die Braunauer wissen sofort Bescheid, wenn ein Fremder sie nur fragt: „Wo ist den die Vorstadt?“ Jener Bierfahrer beispielsweise, an den wir die Frage richteten, und der mit dem Arm den Weg gewiesen hatte, lief sogar noch hinterher und wollte überaus freundlich und hilfsbereit wissen: „Wos woins denn da seng? Führers Geburtshaus? Gleich da vurn, hinta dö Katanien!“

Es war wahrlich nicht schwer zu finden. Alle Tore standen offen. Drinnen rumorten Arbeiter zusammen mit der Hausmeisterin. (Mittlerweile ist eine Bank eingezogen, für ungefähr ein, zwei Jahre, wie es heißt, weil ihr Stammhaus umgebaut wird.)

„Ödipuskomplex des Deutschen“

Auch die Hausmeisterin wunderte sich nicht, dass da Fremde ins Haus kamen. Der Dialog war äußerst knapp und verständlich: „Wo ist es denn?“ fragten wir, und „Bittschön, da ist es“, antwortete die Concierge. Sie öffnete eine Tür. Ein großer  heller Raum. Dicke Bohlenbretter als Fußboden. In diesem Raum also nahm, soweit man weiß, das Leben jenes Mannes seinen Anfang, der fast die ganze Welt in Flammen setzte und – nach dem jungen Dichter Helmut Heißenbüttel – der „Ödipuskomplex des Deutschen“ ist.

„Sie glauben gar nicht, welchen Ärger man immer hat wegen diesem Hitler“, sagt Braunaus 37jähriger Bürgermeister Josef Fridl von der Sozialistischen Partei, der vor Jahren seine erstaunliche Karriere als Österreichs jüngstes Stadtoberhaupt begann. „Tagaus, tagein krieg ich Karten und Briefe aus der ganzen Welt. Dabei haben wir wahrhaftig mit dem Hitler viel weniger zu tun g´habt als viele andere Städte. Schließlich ist er mit drei Jahren schon samt seinen Eltern hier weggezogen.“

Da wohnt also in dem engbrüstigen Haus Palmstraße Nummer 3, gleich hinter dem Platz, wo man einst den Buchhändler Palm erschoß, die 62jährige Witwe Kreszenz Pommer; ein kleines Weiberl, das uns nachdrücklich von der plüschgepolsterten Wohnungstür wegscheucht, immer wieder beteuernd, sie sei gar nicht die Frau Pommer, sondern habe nur gerade hier und in deren Wohnung die Tür geöffnet.

Frau Pommer hat in den vergangenen Jahren eine seltsame Berühmtheit erlangt. Ihr Vater nämlich, der Gastwirt Josef Pommer, wurde nach einer langen Reihe von Vorbesitzern Hausherr in der Salzburger Vorstadt Nummer 15, dem damaligen Bräu „Zum Hirschen“.

Dieses Gebäude, heute mit einer recht hübschen Spätbiedermeier-Fassade, war schon ziemlich alt und nicht im besten Zustand, als die Nazis in Braunau einmarschierten. Die NSDAP jedoch, beziehungsweise Martin Bormann als Reichsleiter höchstpersönlich, wollte es um jeden Preis kaufen. Und so kam es, dass die Pommers das Doppelte des eigentlichen Verkehrwertes dafür erhielten, damit sie´s hergaben. Vorher aber, so erzählen jedenfalls die Braunauer, sträubte sich der alte Pommer, um den Preis hinauzutreiben, so heftig gegen den Verkauf, dass der Reichsstatthalter Bürkel fuchsteufelswild ein Telegramm schickte: Wenn Pommer nicht endlich verkaufe, dann müsse man andere Maßnahmen ergreifen. Dieses Telegramm wiederum war nach dem Krieg Persilschein der Pommers. Sie erhielten – gegen 50 000 Schilling (nur knapp 8000 Mark) – das ganze stattliche Gebäude zurück, für das Martin Bormanns Leute weit über 100 000 Mark bezahlt hatten. Überhaupt nicht gerechnet wurden dabei die weiteren 100 000 Mark, die von der NSDAP investiert worden waren, „damit es ein würdiges Aussehen erhalte!“

Das Geschäft der Frau Pommer

Frau Pommer weiß sehr wohl, was sie da für ein glänzendes Geschäft gemacht hat. Und dies ist auch offensichtlich der Grund – so sagen wieder die Braunauer -, weshalb sie sich nicht entschließen konnte, das Haus an die Stadtverwaltung zu verkaufen. Sie verpachtete es vielmehr gegen monatlich 560 Mark. Und dieser Pachtvertrag mit der Stadt lief Ende des Jahres 1966 ab. Viele große Wirte im In- und Ausland wurden durch Mittelsmänner seit geraumer Zeit gefragt, ob sie keine Interesse daran hätten, das Hitlerhaus zu einer Gaststätte zu machen. Auch „Wienerwald“-Brathendlkönig Friedrich Jahn, der selbst aus Linz an der Donau stammt, wurde das Haus mehrfach angeboten. Aber auch er fand keinen Gefallen daran. Dann stand es eine Zeitlang leer. Denn Frau Pommer fand beim besten Willen keinen, der Spaß daran gehabt hätte, diese „Beerhall“ für Sensationssüchtige zu eröffnen. Die Braunauer bedauerten, weil sie praktisch denken, dass es keinem vernünftigen Zweck zugeführt werden sollte. Nun, das geschah jetzt – mit dem Einzug der Bank.

Weil man in Braunau überhaupt nicht gern von der Vergangenheit spricht, hat bisher keiner der Fremden, der die Fassade mehr oder weniger verstohlen photographiert, die Geschichte erfahren, die uns der Stadtpfarrer Johann Ludwig berichtete (in dessen Pfarrstube auch das Taufbuch aus Braunau vo 1881 bis 1891 samt Hitlers Geburts- und Taufeintrag aufbewahrt wird). Jene Geschichte, die mit einem Schlag erhellt, warum Adolf Hitler Braunau auch nach dem „Anschluss“ stets gemieden hat.

Als nämlich die Braunen 1938 mit ihrer Wagenkolone an der Innbrücke eintrafen, standen dort der bis dato illegale Kreisleiter und die Frauenschaftsführerin. Und diese, schon eine alte Dame, hatte zwei Wochen vorher ihren Mann verloren. Sie stand da, tiefschwarz gekleidet, das Gesicht von einem schwarzen Schleier umwallt, und wollte ihrem „Führer“ einen großen Blumenstrauß überreichen. Der abergläubische Adolf Hitler, so versicherte uns der Stadtpfarrer, erstarrte angesichts dieser schwarzen Gestalt, die ihn an der Schwelle seiner Geburtsstadt wie eine Nonne empfing. Er setzte nicht einmal den Fuß auf den Boden Braunaus, gab das Kommando, sofort ohne Halt weiterzufahren. Er stand mit unbewegtem Gesicht und erhobenem Arm – auch als sein Wagen an der „Salzburger Vorstadt Nummer 15“ vorbeirollte. Er wollte nichts mehr von Braunau sehen und hat es auch zeitlebens nie mehr wieder betreten.

Ingeborg Münzing
Frankfurter Rundschau Nr. 35
http://www.fr-online.de

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