Häuser mit Geschichte

Warum Geburtshäuser von Despoten ein schweres Erbe, aber auch eine Chance sind.

Florian Kotanko hat schon viele kuriose Anfragen bekommen. Journalisten, die sich nach Adolf Hitlers Schulzeugnis erkundigten, Fernsehteams, die das Taufbecken in Braunau filmen wollten. Am häufigsten aber wurde der 64-jährige Obmann des „Vereins für Zeitgeschichte Braunau“ nach dem Weg zu Hitlers Geburtshaus gefragt.

In dem ehemaligen Gasthaus mit der Adresse Salzburger Vorstadt 15 kam Adolf Hitler am 20. April 1889 zur Welt. Aus einer biografischen Schrift aus dem Jahr 1939 geht hervor, dass die Familie nach wenigen Wochen von dort wegzog. Dennoch ist es als Hitler-Geburtshaus bekannt und berühmt geworden. Derzeit steht es leer und ist sanierungsbedürftig. Seit Jahren diskutieren Politiker aller Ebenen über die zukünftige Nutzung.

Häuser wie dieses sind, wenn darin kein Mozart oder Goethe geboren wurde, ein unerwünschtes Erbe. In Städten wie Predappio oder Gori, den Geburtsorten von Benito Mussolini und Josef Stalin, ist im Laufe der Jahrzehnte ein Personenkult entstanden.

Image

Herbert Posch, Museologe und Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in Wien, ist überzeugt, dass sich eine Gemeinde der Geschichte nicht einfach entledigen kann. „Eine Stadt ist nicht dafür verantwortlich, wer hier geboren ist. Aber sie muss mit dem Image, das sie im Nationalsozialismus und schon davor bekommen hat, umgehen und sich positionieren.“ Und: „Geburtsstätten sind der Ursprungsort, sie markieren den Beginn von etwas. So etwas findet sich in der katholischen Religion durch Kontaktreliquien. Es ist mit magischem Denken und Geniekult verbunden. Diese Symbolik wurde auch von den Nazis gehypt.“

1938 kaufte Reichsminister Martin Bormann im Auftrag der NSDAP Hitlers Geburtshaus und richtete ein Kulturzentrum samt Volksbücherei ein. Nach Kriegsende wurde es an die Eigentümer zurückgegeben, die es 1912 erworben hatten. Sie vermieteten es an den Staat. Zuletzt wurde das Haus als Betreuungsstätte für Menschen mit Behinderung genutzt.

In Predappio, einer 6500-Einwohner-Stadt nahe Rimini, ist Mussolini präsent. Das Grab des Duce, das von einer Marmorbüste geziert wird, wird ebenso wie seine Residenz die Villa Carpena jährlich von zirka 100.000 Menschen besucht, schreibt Le Monde diplomatique. Souvenirhändler, die Mussolini-Eis und Devotionalien anbieten, verdienen dabei kräftig mit.

Florian Kotanko war sowohl in Gori, dem Geburtsort Josef Stalins, als auch in Predappio. „In Italien wird anders mit dem Faschismus umgegangen. Das ist nicht vergleichbar mit Österreich. Die neofaschistische Bewegung ist dort eine anerkannte politische Richtung.“ Eine Vertreterin dieser Bewegung ist Alessandra Mussolini, Enkelin des Diktators. Die Sängerin und Schauspielerin ist auch aktive Politikerin in der Partei „Popolo della Libertà“ (Volk der Freiheit, Anm.).

Vision

Die Auseinandersetzung mit dem „Hitlerhaus“ birgt Gefahren, aber auch Chancen. Der Politologe Andreas Maislinger hat seit Jahren eine Vision. Er will in der Geburtsstätte ein „Haus der Verantwortung“ errichten, in dem drei Bereiche aufgearbeitet werden: Die Verantwortung gegenüber der NS-Vergangenheit, die Probleme der Gegenwart und die Bewältigung der Zukunft. Für sein Vorhaben konnte er bereits zahlreiche prominente Unterstützer aus Kunst, Kultur, Wirtschaft und Politik finden. Dennoch bleibt sein Vorschlag vorerst auf Papier.

Die Idee eines russischen Abgeordneten, der 2012 das Haus kaufen und abreißen lassen wollte, hält Historiker Posch für absurd. „Der Stein des Anstoßes wäre zwar weg, aber man darf nicht unterschätzen, wie mächtig eine Leerstelle sein kann. Man kann nicht einfach ein Wohnhaus oder eine Bank draufsetzen. Die Geschichte wird man nicht los, wenn sie entsorgt wird.“

Das hat auch die Gemeinde in Predappio erkannt. Eine aktuelle Schau (bis 31. Mai) beschäftigt sich mit dem Werdegang des einstigen Sozialisten Mussolini zum Faschisten. Ein wissenschaftliches Komitee versucht sich dem bekanntesten Sohn der Stadt kritisch anzunähern – eine Chance, das Image aufzubessern.

In Braunau beschäftigte sich ein Arbeitskreis mit der Zukunft des Geburtshauses. Kotanko, der als externer Berater beigezogen wurde, sieht Handlungsbedarf. „Ob es ein Museum oder ein Haus der Verantwortung wird – es sollte unbedingt einen Hinweis auf den historischen Bezug geben.“ Herbert Posch: „Mit dem Aufstellen von Denkmälern ist es nicht immer getan – sie nehmen den Menschen das Gedenken nicht ab. Man könnte daher etwas schaffen, das ihnen anbietet, sich aktiv damit zu beschäftigen.“

Sandra Lumetsberger
http://kurier.at/autor/sandra-lumetsberger/8.594
KURIER.at
http://kurier.at/leben/was-passiert-mit-den-geburtshaeusern-von-despoten/66.138.387

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