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Geschichten
festhalten
Immer
wieder, wenn wir alltäglich vor unseren Computern an der Archiv-Datenbank
sitzen und uns durch unendlich scheinende Mengen an Material wühlen,
tauchen plötzlich nette alte Herrschaften auf und beginnen zu erzählen
Dokumente, eben noch bloßes Papier, wenn auch von historischer
Bedeutung", Fotos und Artefakte lassen sich plötzlich verbinden
zu Stationen eines Lebens, Stationen einer Flucht...
In diesen Augenblicken realisiere ich: Gedenkdiener sein am Montreal Holocaust
Memorial Centre heißt: Lebens-Geschichten festhalten.
Die
jüdische Gemeinde Montreals ist mit rund 90.000 Mitgliedern eine
bedeutende, aktive und sehr alte Gemeinde in Nordamerika. Neben den vielen
anderen Bevölkerungsgruppen aus aller Herren Länder, die Montreal
als ihre neue Heimat gewählt haben, ist das Stadtbild geprägt
von zahlreichen traditionell gekleideten Mitgliedern der Jüdischen
Gemeinde. Geschäfte mit koscheren Produkten und koschere Fastfoodläden
sind allgegenwärtig.
Die
Sammlung des Montreal Holocaust Memorial Centre (MHMC) beinhaltet mehr
als 50.000 Objekte. Unzählige Dokumente der Nazibürokratie,
Reisepässe, Briefe, Familienfotos, religiöse Artefakte und persönliche
Erinnerungsstücke wurden dem Museums-Archiv von Holocaust-Überlebenden
übergeben, oder von Menschen, die noch rechtzeitig die Flucht vor
dem NS-Regime ergreifen konnten.
Aus diesem reichen Fundus an Zeitzeugnissen verschiedenster Art wird eine
neue Ausstellung entwickelt, die das jüdische Leben vor, während
und nach dem Holocaust darstellen soll.
Doch bis zu diesem Zeitpunkt sind eine Menge von Arbeitsschritten nötig.
Weiterhin
werden Objekte entgegen genommen, katalogisiert und archiviert. Diese
Schritte erfolgten bisher auf dem Papier und wurden erst kürzlich
auf eine direkte Eingabe in den Computer umgestellt.
Aus der schwer zu überblickenden Menge wurden bereits vor einigen
Monaten rund 350 Objekte als potentielle Ausstellungs-Schaustücke
vorausgewählt. Hier beginnt die eigentliche Forschungs- und Archivarbeit.
Von einem unserer Gedenkdienst-Vorgänger wurde gemeinsam mit der
wissenschaftlichen Leiterin des Museums die "Archives-Database"
entwickelt. Alle Dokumente, Fotos und Artefakte sollen digitalisiert und
in diese Datenbank aufgenommen werden.
Unser Aufgabenbereich beinhaltet demnach die Arbeit am Scanner, digitales
Fotografieren von Artefakten, Abmessen der einzugebenden Objekte, die
Übersetzungen von deutschsprachigen Dokumenten ins Englische. Schließlich
sind wir auch an verschiedenen Recherche-Arbeiten beteiligt. Nachdem bisher
kaum 900 Objekte aus der Sammlung des Museums digital archiviert sind,
bleibt für kommende Gedenkdiener-Generationen noch jede Menge zu
tun!
Die
aktuelle Ausstellung ist von provisorischem Charakter, trotzdem bietet
sie, wie auch die geplante neue Ausstellung (Eröffnung Frühling
2002) im besonderen für Schulgruppen einen geeigneten Rahmen für
die Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust.
Survivor sehen es als ihre Verpflichtung an, regelmäßig vor
den Klassen zu sprechen.
Noch existiert die Möglichkeit jener direktesten Art von Geschichtsvermittlung.
Wenn jene Menschen einmal gestorben sein werden, müssen die Ausstellungen
ihre Geschichten weiter erzählen, die Archive sie aufbewahren.

Georg
Primas
Montreal, Kanada
Gedenkdiener, Februar 2001 - Maerz 2002
Think
different - Hardcore Gedenkdienst in Virginia"
Gedenkdienst am Virginia Holocaust Museum, Richmond, USA
Über
den Gedenkdienst hört auch der aufmerksame Österreicher nur
sehr wenig. Und wenn einer etwas weiß, dann sind das meist nur Bruchstücke
oder natürlich die "Gedenktafel abstauben - Sache".
Die Leser der HRB - News stellen einen Sonderfall dar. Deshalb gehe ich
in meinem Erfahrungsbericht auf jene Dinge ein, die den Gedenkdienst in
Virginia anders" machen - vielleicht weniger intellektuell
herausfordernd - hier wollen Herausforderungen gänzlich anderer Art
gemeistert werden...
Dieser
Bericht kommt spät, mit nur noch wenig mehr als 2 Monaten "to
go". Ich bin sicher um viele Erfahrungen reicher, einige neue Skills
habe ich auch erlernt, selbst in der Bundesheerdomäne "polieren
veralterter Waffen" habe ich mich geübt.
Wenn ich in 2 Wochen von meinem Urlaub zurückkomme, werde ich schon
wieder ganz andere Aufgaben zugeteilt bekommen. Das deshalb, weil das
Virginia Holocaust Museum nach nur 4 Jahren umzieht. Die Akquisition des
neuen Gebäudes hat sich ziemlich genau mit meinem Dienstantritt gedeckt,
mit dem Resultat, dass ich nun in 2 Museen 60 Stunden pro Woche arbeite.
Innerhalb kurzer Zeit bin ich zur rechten Hand des Direktors geworden.
Jay ist mit 66 Jahren der jüngste Holocaust Survivor in Virginia,
denkt keineswegs an Rente, und ist immer dann zur Stelle wenn ich meine
Kräfte wieder einmal überschätzt habe und einen Kühlschrank
nicht alleine schleppen kann.
Überhaupt
besteht ein großer Teil meiner Arbeit daraus zu schleppen, Dinge
auseinander zu nehmen und wieder zusammen zu bauen. Der Gedanke, dass
der junge, hochgewachsene Österreicher für körperliche
Arbeiten prädestiniert ist, war wohl einfach zu naheliegend. Nicht,
dass ich nicht die Chance gehabt hätte, im Archiv zu arbeiten, stundenlang
über Artefakten zu brüten und diese nach umfangreicher Recherche
zu identifizieren. Aber darin liegt nicht meine Stärke.
Mein Kollege Michael Feuerstein in Reno nannte meinen Dienst einmal "Gedenkdienst
Hardcore".
How come?
Das neue Museum ist ein altes Lagerhaus, voller Lager-Kuben aus Metall.
Die mussten natürlich abgebaut werden. Ein Museum hat nun aber nicht
allzu viel Geld, folglich mussten Freiwillige die Arbeit übernehmen.
Das Resultat war, dass ich in den ersten Monaten die meisten Wochenenden
damit verbrachte gemeinsam mit jugendlichen Straftätern, die Sozialarbeit
verrichten mussten, die Kuben auseinander zunehmen und in den 2. Stock
des Gebäudes zu transportieren. Mit einem Powerdrill weiß ich
nun wahrhaft meisterlich umzugehen.
Die nächste Aufgabe war es, eine Wand zu durchbrechen.
Zwei Tage, zwei Schlaghämmer und einen heftigen Muskelkater später
durfte ich endlich für das Photo auf all dem Schutt posieren und
mich eine Woche später in diversen Zeitungen bewundern.
Nur
zwei Geschichten von vielen - wer nach Virginia möchte um dort seinen
Gedenkdienst abzuleisten, sollte sich den Apple Computer Werbeslogan "Think
Different" zu Herzen nehmen.
Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich auch Touren im Museum
gebe, Research betreibe und sogar zum "Admin light" geworden
bin. Ehrlich gesagt verbringe ich sogar den Großteil meiner Arbeitszeit
mit diesen Aufgaben. Details dazu gibt's nach einer Email an gruebl.michael@gmx.net
innerhalb zweier Werktage in Deutsch, Englisch und wenn ich viel Zeit
habe auch in Französisch.
Michael
Gruebl
Richmond (VA), USA
Gedenkdiener, August 2000 - September 2001
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