Gedenkdienst - Sozialdienst - Friedensdienst

“Fluctuat nec mergitur” - “Es schwankt, aber es geht nicht unter”


Das Motto des Pariser Stadtwappens spielt auf die wechselhafte Geschichte dieser Stadt an, die als Hauptstadt wiederholt in Frage stand. Heute scheint davon nichts mehr zu spüren zu sein: Frankreich gilt als Musterbeispiel eines zentralistischen Staates, Paris unterstreicht mit unzähligen Sehenswürdigkeiten und Prunkbauten seine Vorrangstellung. Vor nicht langer Zeit allerdings machte ein kleiner, weiter südlich gelegener Kurort Paris seine Rolle als Regierungssitz streitig, als nämlich 1940 Marschall Pétain die mit den Nazis kollaborierende “Regierung” nach Vichy verlegte. 1944 war der Spuk vorüber...

Paris, das heißt heute Eiffelturm, Champs Elysées, Notre Dame, Louvre oder auch Montmartre; das Quartier Latin zeugt von vergangener und gegenwärtiger Gelehrsamkeit, Studenten begeistern sich für die Sorbonne oder das Collège de France, treffen einander am Boul’ Mich’ oder in St. Germain-des-Prés ; Paris, das ist heute auch Ziel zahlreicher oft aus ehemaligen Kolonien stammender Einwanderer, die das Stadtbild beleben. Die Küchen der ganzen Welt stehen hier dem Gourmet bereit, der Gourmand stürzt sich auf die Crêpes... Paris, das sind auch die Wohntürme der Vororte, Jugendliche ohne Hoffnung auf eine Zukunft, Bandenkriminalität und demgegenüber eine gewisse Hilflosigkeit.

Warum also gerade Paris?
Unmengen von Touristen strömen in den Sommermonaten zum Friedhof „Père-Lachaise“, um am Grab von Jim Morrison ein paar Minuten in sich zu gehen. Für 10 Francs kann man einen Lageplan erstehen, der zielstrebig zu den hier bestatteten Berühmtheiten führt. Auch der Österreicher Otto Bauer wurde hier 1938 zu Grabe getragen; zehn Jahre später überführte man seinen Leichnam allerdings nach Wien. Und ein paar Meter unterhalb des Grabes von Edith Piaf steht ein Mahnmal, das nur wenige Besucher anzieht: es erinnert an jene Franzosen, die während der deutschen Besatzung und der sogenannten Vichy-Regierung ins Konzentrationslager Mauthausen deportiert wurden und dort ums Leben kamen. Die Darstellung der kaum zu bezwingenden „Todesstiege“ und eines unter dem Gewicht des zu tragenden Steines gebeugten Häftlings macht mich sprachlos. Und plötzlich weiß ich, warum ich hier bin.
Ich arbeite an der Fondation pour la Mémoire de la Déportation (www.fmd.asso.fr), wo ich seit Februar diesen Jahres Gedenkdienst – „Service de la Mémoire“ leiste. Seitdem habe ich viel dazugelernt: über die ersten Internierungen deutscher und ehemals österreichischer Staatsbürger nach Ausbruch des Krieges 1939; über von Spanien nach Frankreich kommende Interbrigadiere; über die Besetzung Frankreichs und die Errichtung von Zonen 1940; über die ersten Razzien; über berühmte Intellektuelle und Schriftsteller, die nach Südfrankreich (zB Sanary-sur-Mer) flohen; über Hilfsorganisationen; über die versuchte, geglückte und gescheiterte Emigration; über die Haltung der Vichy-Regierung; über den “Nacht-und-Nebel”-Erlaß; über die Transitlager Drancy und Compiègne; über die Deportation; über den Widerstand (“Résistance”) von Franzosen und auch Österreichern; über Oradour-sur-Glane...
Die FMD geht nach dem aktuellen Forschungsstand davon aus, daß etwa 76.000 als "Juden" geltende und 80.000 sogenannte "Nicht-Juden" aus Frankreich deportiert wurden. Von letzteren kamen etwa 50% zurück, von den "Juden" 3%... Täglich versuchen wir, Forschern, Studenten oder Familienangehörigen in ihrer Arbeit weiterzuhelfen: Oft beginnt die Suche in endlosen Namenlisten, seien es die Namen der Deportierten oder der Konzentrationslager bzw. Außenkommandos, in die sie deportiert wurden. Diese Namen sind mir als Österreicher nicht selten bekannt: Mauthausen, Gusen, Ebensee, Melk... Fünf Jahre lang habe ich in Melk als Fremdenführer gearbeitet. Bei den jährlichen Gedenkfeiern hatte ich Gelegenheit, mit französischen Überlebenden ins Gespräch zu kommen, ihre Geschichten zu hören und zu erfahren, was heute ihre Anliegen sind. Diese Anliegen sind mir wichtig geworden.
Und jedesmal, wenn ich zu Fuß durch die Stadt gehe, erinnern mich Tafeln an Hausmauern daran und bestätigen meinen Entschluß, Gedenkdienst zu leisten. Zum Beispiel auf der Ile Saint-Louis im Zentrum von Paris: "Im Gedenken an die 112 Bewohner dieses Hauses -darunter 40 kleine Kinder-, die 1942 in deutsche Konzentrationslager deportiert wurden und dort umkamen".

 

Paul Schieder
Gedenkdienst am Fondation pour la Mémoire de la Déportation
Februar 2001 - März 2002

 

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november 2001