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"Day
One"
Das Jüdische Museum Berlin wird mit einer großen historischen
Dauerausstellung eröffnet.
Seit gut einem Monat hat das Jüdische Museum Berlin seine Pforten
geöffnet und am 12. Oktober konnte bereits der 100.000ste Besucher
begrüßt werden. Gespannt richteten sich alle Blicke am 9. September
auf das Museum als die große Eröffnungsgala stattfand. Würde
es den, ohne Zweifel sehr hoch gehaltenen, Erwartungen gerecht werden
können?
D er
Zeitplan war eng kalkuliert Michael W. Blumenthal, Direktor des
Museums, sah es bei der Pressekonferenz, die an die Übergabe der
Sonderbriefmarken von Finanzminister Hans Eichel an ihn anschließend
stattfand, so voraus, dass wenn Bundeskanzler Schröder durch die
Tür die Ausstellung betritt, der letzte Techniker im selben Moment
mit dem Rücken durch eine andere Tür verschwindet.
Es wurde tatsächlich sehr knapp, dennoch konnte pünktlich eröffnet
werden.
Nachdem 850 prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur dem
Chicagoer Symphonie Orchestra, geleitet von Daniel Barenboim, in der Berliner
Philharmonie Gustav Mahlers 7. Symphonie gelauscht hatten, waren sie und
einige Journalisten die Ersten, die endlich die fertige Dauerausstellung
besichtigen durften.
Bundespräsident Johannes Rau und Direktor Michael W. Blumenthal hielten
Reden und das Jüdische Museum war somit feierlich eröffnet.
Am Tag darauf, dem Tag der Erinnerung, waren zum Dank die Stifter und
Leihgeber aus aller Welt eingeladen die Ausstellung zu besichtigen.
Am Abend widmete ihnen das Deutsche Symphonie Orchester anlässlich
der Eröffnung ein Konzert. Unter der Leitung von Kent Nagano wurde
Die Jakobsleiter von Arnold Schönberg in der Philharmonie
gespielt.
Leider ging auch der 11. September in die Geschichte ein. Geschockt verfolgten
wir die Ereignisse über Rundfunk und aufgrund der Anschläge
wurde auch beschlossen die Publikumseröffnung zu verschieben.
Nun hat das Museum das ganze Jahr über, bis auf die Jüdischen
Neujahrsfeiertage Rosch ha - Schana und das darauf folgende Jom Kippur
Fest, täglich von 10 bis 20 Uhr für die Besucher geöffnet.
Die Ausstellung ist in zwei Geschossen auf 13 Segmente aufgeteilt. Mit
Hilfe vieler Medien soll durch eigenes Erleben und Ausprobieren die Anschaulichkeit
verbessert und die Ausstellung aufgelockert werden. Die Geschichte soll
lebendig dargestellt werden. Mit Hilfe von Ausstellungsobjekten, Reproduktionen,
vielen Leihgaben, Installationen und Kunstwerken wurde das narrative Konzept
in die Wirklichkeit umgesetzt.
Die
Achsen im Untergeschoss des Libeskindbaus
Man gelangt über das alte Kollegienhaus, an das der von Daniel Libeskind
entworfene Neubau unterirdisch
angeschlossen ist, in die Ausstellungsräume. Im Untergeschoss befinden
sich die Achsen. Sie versinnbildlichen das Schicksal der Deutschen Juden
im 20. Jahrhundert. Die Achse des Exils mündet im Garten des Exils.
Die Holocaust Achse endet mit dem Holocaustturm, der Gefühle
von Verlassensein, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit suggerieren soll.
In den Achsen dominiert noch die Libeskind Architektur. Vitrinen sind
zwar teilweise mit Exponaten aus der Sammlung gefüllt, die an einzelne
Schicksale erinnern, dennoch hat man hier versucht die Architektur sprechen
zu lassen. Hier befindet sich auch das Rafael Roth Learning Center.
In ihm ist der Besucher dazu eingeladen mit Hilfe von Multimediastationen
mehr über die Deutsch-Jüdische Geschichte zu lernen: Anhand
von Geschichten, mit Hilfe eines Themenkatalogs oder durch ein Lexikon,
indem die wichtigsten Begriffe der Jüdischen Religion erläutert
sind, kann man sich näher informieren. Das Learning Center wird noch
reicher an Geschichten und Computer werden mit weiteren Themengebieten
gefüttert. In Zukunft wird man wahrscheinlich einen ausgewählten
Zugriff auf diese Daten über das Internet ermöglichen.
Die
historische Dauerausstellung
Exil- und Holocaust Achse durchschneiden die Achse der Kont inuität.
Über sie gelangt man zur großen Freitreppe und von dort in
das zweite Obergeschoss, wo die Dauerausstellung beginnt. Von den Anfängen
in der Römerzeit über das Mittelalter bis hin zu Aufklärung,
Emanzipationen, Holocaust und Nachkriegszeit hat man versucht alle Bereiche,
Hoch- und Tiefpunkte der Deutsch - Jüdischen Geschichte darzustellen.
Die Abschrift eines Erlasses von Kaiser Konstantin vom 11. Januar 321,
die als das älteste schriftlich e
Zeugnis der Deutsch - Jüdischen Geschichte gilt, markiert den Beginn
der Ausstellung. Man erfährt wie durch die römische Armee und
den aufblühenden Handel Juden nach Deutschland kamen. Die drei wichtigsten
Jüdischen Gemeinden im Mittelalter werden vorgestellt Mainz,
Speyer und Worms. Eine virtuelle Rekonstruktion des mittelalterlichen
Worms soll das damalige Leben veranschaulichen. Exemplarisch werden zu
einzelnen Epochen Lebensläufe wichtiger Personen dargestellt. Nach
dem Segment des Mittelalters wird anhand der Memoiren aus sieben Büchern
der Glikl bas Juda Leib ihr Leben als Geschäftsfrau im ausgehenden
17 Jh. nachgezeichnet.
Da nach
wird von Land- und Hofjuden erzählt. Populärstes Beispiel ist
sicherlich der Landjude Löb Strauss, der sein Glück in Amerika
fand und die Levis Jeans nähte. Ausführlich wird vom tragischen
Schicksal des Hofjuden Joseph Süß Oppenheimer,
im 18. und 19.Jh. und der Rezeptionsgeschichte im Nationalsozialismus
erzählt. Über die jüdische Aufklärung und Moses Mendelssohn
kommt man zum Segment des Religiösen Lebens in Tradition und Wandel.
Wichtige Regeln aus Jüdischer Religion und Abschnitte im Leben eines
gläubigen Juden werden erklärt. Über die Geschichten von
bürgerlichen Familien und Geschichten aus den Berliner Salons kommt
man zum Kampf um die Emanzipation der Juden von den Anfängen der
Französischen Revolution bis hin zu Abraham Geiger, dem wichtigsten
jüdischen Repräsentanten der Reformbewegung und dem beginnenden
20. Jahrhundert. Dazwischen liegt die Zeit der beginnenden Urbanität
und Moderne, dem Aufblühen Berlin zur Metropole sowie der Flucht
der Ostjuden aus Russland und Polen. Gegen Ende des ersten Weltkrieges,
an dem sich Jüdische Soldaten zahlreich beteiligt haben, wird der
Antisemitismus, dessen lange Vorgeschichte ausführlich dargestellt
wird, immer stärker spürbar. Reaktionen auf die beginnende Verfolgung
werden gezeigt. Kursorisch wird anhand weniger Objekte die Shoah dargestellt.
Von den 6 Millionen ermordeter Juden kommen rund 200.000
Juden aus dem Deutschen Reich. Die Ausstellung hört hier allerdings
nicht auf, sondern wird bis in die deutsche Gegenwart der 90 er Jahre
fortgeführt. Das Jüdische Museum Berlin will mit seiner Ausstellung
keine Gedenkstätte sein. Bundespräsident Rau hat es in seiner
Eröffnungsrede so ausgedrückt, dass man den Holocaust nicht
als Summe der Deutsch - Jüdischen Geschichte sehen soll. Am Ende
der Ausstellung wird der Besucher nach seinen Eindrücken gefragt
und mit verschiedenen an ihn gerichteten Fragen wie "Könnten
sie sich vorstellen, dass in naher Zukunft ein Jude Deutscher Bundespräsident
wird?" entlassen.
Die Installation des Künstlers Via Lewandowsky, die sogenannte "Gallery
of the Missing" führt das Konzept des unwiederbringlich Verlorenen,
das Daniel Libeskind mit seinen "Voids" bereits in seiner Architektur
verwirklicht hat, fort. Der begehbare Void wurde darüber hinaus mit
dem Installation "Shalechet Gefallenes Laub" von Menashe
Kadishman bespielt. 
Oft wird Ken Gorbey, der Ausstellungsmacher, gefragt wie er mit der schwierigen
Architektur fertig geworden ist. Ken Gorbey hat berichtet, dass er sich
oft mit Libeskind zusammengesetzt hat um Fragen zu besprechen. Man kann
das Zusammenspiel von Architektur und Ausstellungsdesign nach drei Gesichtspunkten
gliedern. Im Großteil des Ausstellungsbereiches findet man ein traditionelles
Ausstellungsdesign vor, das heißt ohne einen dominierenden Einfluss
der Libeskind Architektur. Teilweise findet man ein Zusammenspiel
und eine Ergänzung der Architektur durch Kunst vor oder es sind sogenannte
"Libeskindmomente" wie zum Beispiel in den Achsen sichtbar.
Die Presseäußerungen über das Museum reichen von sehr
positiv bis hin zu negativ. Am Ausstellungsdesign wird zum Beispiel kritisiert,
es sei zu überladen, oder Replikate wären nicht gut genug gekennzeichnet.
Den Zweck der Ausstellung über Geschichte und Deutsch Jüdische
Beziehungen nachzudenken sieht der Ausstellungsmacher Ken Gorbey erfüllt.
Davon kann man sich auch selbst überzeugen, wenn man zwischen den
Besuchern durch die Ausstellung geht. Zielgruppe sollen Familien, von
Kindern bis zu Erwachsenen sein.
Die Bildungsabteilung begleitet die erzählte Geschichte mit einem
speziellen Programm von Führungen, Workshops, Tagungen und Kolloquien,
um Interesse bei Besuchern mit weniger Vorwissen als auch bei Menschen
mit Vorkenntnissen und Wissen über zu wecken. Außerdem wird
das Archiv des New Yorker Leo Baeck Instituts und somit das wichtigste
Archiv zur Deutsch Jüdischen Geschichte im Jüdischen
Museum zugänglich.
In Zukunft wird man sicher noch einige Zeit damit verbringen ,
das Learning Center weiter mit Geschichten anzureichern. Mit Veranstaltungen
will man der Event-orientierten Gesellschaft gerecht werden und für
die Räume des ehemaligen Kammergerichts sind Sonderausstellungen
geplant. Sie werden Aspekte zur Deutsch - Jüdischen Geschichte, Kunst
und Kultur, zur zeitgenössischen Kunst oder zu historischen Themen,
wie Holocaust und Exil beinhalten und sollen die Ausstellung begleiten
und zu weiteren Besuchen im Museum anregen.
Stefan Salchinger
Gedenkdienst
am Jüdischen Museum Berlin
August 2001 - September 2002
"Verzerrte
Wahrnehmung "
Die diesjährigen
Braunauer Zeitgeschichte Tage sind unter dem Titel "Verzerrte Wahrnehmung"
gestanden. Thema sollte das Bild
und die Realität der Roma und Sinti im 20. Jahrhundert sein.
Der Kern
des Roma-Problems ist der Rassismus, sagt Rudko Kawczynski vom Roma National
Congress.
Auf Sie sind wir schon sehr gespannt! Mit diesen Worten wurde
der Vorsitzende des Roma National Congress, Herr Rudko Kawczynski aus
Hamburg durch Dr. Andreas Maislinger empfangen, als er am Donnerstag Abend
nach einer mehrstündigen Reise vor dem Hotel Post in Braunau aus
dem Auto eines angehenden Gedenkdieners ausstieg.
Nur drei Tage nach seiner Teilnahme an der Welt-Rassismus-Konferenz in
Südafrika kam Herr Kawczynski als Vortragender zu den diesjährigen
Braunauer Zeitgeschichte Tagen nach Österreich. Diese
Veranstaltung, die heuer bereits das zehnte Mal durchgeführt wurde
und wieder sehr gut besucht war, wählte unter dem Titel Verzerrte
Wahrnehmung das Thema: Bild und Realität der Roma und Sinti
im 20. Jahrhundert.
Wie der Braunauer Bürgermeister Gerhard Skiba und der Obmann des
Vereines für Zeitgeschichte, Mag. Florian Kotanko in ihren einleitenden
Worten betonten, will die Stadt Braunau mit dieser wichtigen politischen
Veranstaltung gegen ihr unerwünschtes Erbe, - das bei den Meisten
eine automatische Assoziierung hervorruft, - ein wichtiges Zeichen setzten.
Die wissenschaftliche Leitung der Tagung hatte der Innsbrucker Politologe
Dr. Andreas Maislinger inne. Drei Tage lang , - von 28. bis 30. September
2001, - wurde in mehreren Vorträgen und Diskussionsrunden die heutige
Lage der Volksgruppe der Roma und Sinti erörtert.
Das sogenannte Roma-Problem sei nichts anderes als ein Problem mit den
Roma, das heißt, das Problem der Mehrheitsbevölkerung eines
Staates mit ihrer Roma-Minderheit, behauptete Kawczynski in seinem Beitrag.
Die Armut, die fehlende Bildung, die hohe Arbeitslosigkeit und der Verlust
der kulturellen Identität seien lediglich Symptome und Ergebnis der
Feindseligkeit und Ablehnung gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe.
Die wahre Ursache ist der Rassismus, der besonders in den ehemaligen Ostblockstaaten
stark ausgeprägt ist, aber auch in Westeuropa noch - oder wieder?
- besteht.
Es sei eine Illusion zu glauben, dass die Gesellschaft ihre rassistisch
begründete Haltung freiwillig aufgeben wird, viel mehr müssen
die Roma und Sinti selbst für ihre Gleichstellung und für ihre
politischen Rechte eintreten, gab sich Kawczynski kämpferisch. Er
forderte die Anerkennung der 12 Millionen Roma als eine europäische
Nation, deren Emanzipations-Prozess jenseits aller Staatsgrenzen gemeinsame
Ziele und Perspektiven braucht.
Um dieses Ziel zu erreichen wurde unter anderem auch des European Roma
Rights Center (ERRC), - zu dessen Gründungsmitgliedern auch Kawczynski
zählt, - mit Sitz in Budapest aufgebaut. Das ERRC ist eine Menschenrechtsorganisation,
welche die Menschenrechtssituation der Roma und Sinti in Europa überwacht,
und im Falle von Benachteiligung oder Missbrauch juristischen Beistand
leistet.
Unter den vielen Zuhörern befanden sich auch fast hundert junge Burschen
und Männer, die sich im Rahmen des Vereines für Dienste
im Ausland auf ihr vom österreichischen Staat als Zivilersatzdienst
anerkannten Einsatz im Ausland als Gedenkdiener, Sozial- oder Friedensdiener
vorbereiten.
Vorausgesetzt, dass das Bundesministerium für Inneres rechtzeitig
eine Genehmigung erteilt, wird auch beim ERRC in der ungarischen Hauptstadt
Budapest, - die Organisation ist Mitglied des Internationalen Helsinki-Abkommens
für Menschenrechte mit beratender Funktion zum Europarat, - im nächsten
Sommer ein Gedenkdiener seine Arbeit aufnehmen.
Die jungen Österreicher helfen mit ihrer Teilnahme an den Braunauer
Zeitgeschichte Tagen und mit ihrer zukünftigen Arbeit als Gedenkdiener
genau das zu erreichen, was der Herr Innenminister Dr. Ernst Strasser
auf den Flugzetteln und den Anschlagtafeln im KZ-Gedenkstätte Mauthausen
fordert, nämlich: den Opfern des Nationalsozialismus ein würdiges
Gedenken zu schaffen und die Jugend Europas gegenüber jeder Form
des Extremismus, Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und des Antisemitismus
zu sensibilisieren.
Mögen diesen Worten Taten Folgen! Wie die Zeitgeschichte Tage in
Braunau zeigten, die Jugend ist bereit. Die Politik auch?
Rüdiger
Kloss
Interessent für den
Gedenkdienst
in Budapest
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