In Braunau steht ein Haus zu viel

Die österreichische Stadt Braunau weiß nicht, was sie mit dem Geburtshaus Adolf Hitlers anfangen soll. Zumindest die Idee, Mietwohnungen zu schaffen, scheint vom Tisch zu sein.

Wer will noch Verantwortung übernehmen?“ Der Bürgermeister blickt in die Runde der Gäste, die gekommen sind, um die Braunauer „Agenda 21“ zu feiern, welche die propere Kleinstadt am Inn auf eine postindustrielle und globalisierte Zukunft vorbereiten soll. Man kennt sich; schnell finden sich drei Bürger, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, das heißt in diesem Fall: Scheren in Empfang zu nehmen, um eröffnend etwas zu durchschneiden. Bürgermeister Johannes Waidbacher ist in seinem Element, hält hier einen Plausch, begrüßt da einen Anwesenden.

Mitte letzter Woche stand er auf etwas schlüpfrigerem Grund. Da machte die Meldung die Runde, das Haus, wegen dem Braunau in aller Welt bekannt ist, solle künftig für Wohnungsmieter zur Verfügung stehen. Es ist das Haus, in dem Adolf Hitler vor 123 Jahren geboren worden ist. Sofort kochte eine lebhafte Debatte hoch: Wer werde sich wohl hier eine Wohnung nehmen? Drohe da nicht eine Wallfahrtstätte für Unverbesserliche und Neonazis zu entstehen? Auch da war von „Verantwortung“ die Rede, aber doch in einem ganz anderen Sinne. Es ging nicht um die Zukunft, sondern um die Vergangenheit.

Es sei „halt ein schwieriges Thema“

Waidbacher wurde in einer österreichweit verbreiteten Zeitung mit Worten zitiert, nach denen er das Wohnungs-Konzept zu befürworten schien: Der Sinn einer weiteren Holocaust-Gedenkstätte sei fraglich, sagte der Bürgermeister. Er wisse nicht, wofür er als Nachgeborener eigentlich die Verantwortung übernehmen solle, so gehe es vielen in der Stadt, und Braunau sei nicht bereit, „die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist“. Über Agenturmeldungen und Internet verbreitete sich die Nachricht schnell, auch ins Ausland.

Mit einer solchen Karriere seines Zitates hatte der Bürgermeister offensichtlich nicht gerechnet. Jetzt sagt er nur noch Sätze wie diese: „Es gibt viele Ideen, Konzepte, Vorschläge, und der, der durch die Medien gegangen ist, ist einer von vielen gewesen und etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Es wird sicher zu gegebener Zeit einen Lösungsvorschlag geben, der für alle Beteiligten tragbar ist.“ Es sei „halt ein schwieriges Thema“. Das Schwierige an der Sache ist zunächst, dass Bürgermeister und Gemeinderat nicht ohne weiteres über das Haus mit der Adresse Salzburger Vorstadt 15 verfügen können.

Es gehört nämlich einer Privatperson, einer alten Dame, deren Familie dort vor der Nazizeit eine Gastwirtschaft betrieben hat. Das Haus ist seit den siebziger Jahren vermietet an den Staat Österreich, vertreten durch das Innenministerium; die Stadt ist Untermieter. Ob die Dame bereit ist, das Haus zu verkaufen, zu dem auch eine beträchtliche Fläche gehört, ob ihr ein ihr hinreichendes Angebot gemacht wird oder ob sie mit dem gegenwärtigen Zustand einer regelmäßigen Miete für ein leerstehendes Gebäude zufrieden ist, lässt sich schwer sagen.

Eine wechselhafte Geschichte

Sie ist im Telefonbuch nicht verzeichnet, und ein Läuten an dem Haus in Braunau, in dem sie nach Auskunft mehrerer Personen wohnt, bleibt unerwidert. Waidbacher jedenfalls sagt: „Wenn die Eigentumsfrage nicht geklärt ist, sind alle Spekulationen müßig.“ Doch das Problem mit dem in Braunau so genannten „Hitlerhaus“, das vom Bürgermeister allerdings nur als „das Haus in der Salzburger Vorstadt“ bezeichnet wird, liegt tiefer. Es liegt in seiner schieren Existenz. Bis vor einem Jahr hat dort die „Lebenshilfe“ eine Werk- und Betreuungsstätte für Behinderte geführt; doch dann zogen sie in ein besser modernisiertes Gebäude.

Zuvor hatte das Haus eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Florian Kotanko, Direktor des Gymnasiums und Vorsitzender des Zeitgeschichtsvereins, kennt sie genau. Zur Zeit von Hitlers Geburt war es ein Gasthaus, dessen Obergeschoss an den k.u.k. Zollbeamten Alois Hitler vermietet war. Freilich zog die Familie bald aus, erst in ein anderes Haus in Braunau, nach drei Jahren dann nach Passau. 1938 wurde das Haus des Gastwirts Pommer von Martin Bormann für die NSDAP gekauft; bis heute stehen im geschmiedeten Ziergitter über der Tür die Initialen MB.

Es wurde dann ein Kulturzentrum mit „Volksbücherei“. Schon in der Hitlerzeit machte man sich Gedanken über die Nutzung des Hauses – es gab den Plan, das Gebäude (wie die Geburtshäuser von Mussolini und Stalin) mit einem Prachtbau zu überbauen. Bei Kriegsende versuchten Wehrmachtsoldaten das Haus zu sprengen, was amerikanische Kräfte verhinderten. Die Amerikaner hatten zunächst ein Nutzungskonzept, das manchen heutigen gar nicht unähnlich ist. Sie machten aus „der Stätte, von der aus einst Hitler in die Welt trat“, eine Ausstellung, die den Besuchern das Grauen der Konzentrationslager zeigen sollte. In den fünfziger Jahren wurde das Haus an die frühere Gastwirtfamilie rückübereignet. Es diente erst einer Bank, dann einer Schule, bis es die „Lebenshilfe“ nutzte.

Der Name der Stadt kommt erschwerend hinzu

„Braunau ist eine Stadt wie viele andere auch“, sagt Kotanko, der es wissen muss, denn durch seine Klassenzimmer ist ein großer Teil der Braunauer gegangen. In den letzten freien Wahlen Anfang der dreißiger Jahre haben die Nationalsozialisten hier nie mehr als sieben Prozent erhalten. Selbst bei der Volksabstimmung zum Anschluss Österreichs 1938 gab es hier noch Nein-Stimmen, anders als anderswo; wenn auch nur fünf. Und die meisten davon wurden ausgerechnet im Wahllokal im Gasthaus Pommer abgegeben. Trotzdem kennt man die Stadt Braunau aus nur einem Grund. Und auch wenn es läppisch klingt: Dass die Stadt ausgerechnet Braun-au heißt, kommt erschwerend hinzu. Alles nur, weil hier ebendieses Haus steht, in dem einmal dieser Mensch geboren wurde.

Die meisten Braunauer wären das „Hitlerhaus“ und das Gerede darüber wohl gerne los – darauf deuten viele Reaktionen, mal barsch, mal glatt, wenn man danach fragt. Schließlich gäbe es viel Schönes und Gutes, wofür man sich an der mehr als 750 Jahre alten Stadt interessieren könnte. Sie liegt an einer alten Innfurt, strategisch günstig auf halber Strecke zwischen München und Linz einerseits und zwischen Salzburg und Passau andererseits.

Gemeinsam mit seiner Schwesterstadt Simbach auf der deutschen Seite des Inn bildet das 16.000-Seelen-Städtchen eine prosperierende Region. Umgeben ist es von fruchtbarem Ackerland, es hat eine hübsche Altstadt im typischen Salzach-Stil und eine stolze dreischiffige Kirche mit dem vierthöchsten Kirchturm Österreichs. Die Anspannung fällt aus dem Gesicht Waidbachers und weicht einem Strahlen, wenn er von den Vorzügen seiner Stadt sprechen kann.

Das hiesige Lokalblatt heißt „Braunau Tips“, es erscheint wöchentlich. Und in der nächsten Ausgabe werde man wahrscheinlich auch etwas über die Sache mit dem „Hitlerhaus“ haben, heißt es in der Redaktion. Aber darüber sprechen will man lieber nicht. Die jüngste Ausgabe handelt von der 47. Messe Braunau, die so viele Besucher angelockt habe wie noch nie. Auch sonst tat sich hier in der abgelaufenen Woche einiges. Bei der Weltmeisterschaft im Pflügen hat ein Bauer aus einem nahen Dorf knapp die Bronzemedaille verpasst, und der Landeswandertag der SPÖ Oberösterreichs fand einen geselligen Abschluss, „obwohl ein Landwirt einen Teil der Strecke mit Gülle wahrscheinlich absichtlich unbegehbar machte“.

Ja, die Gegend ist, politisch gesehen, noch deutlich ländlich-schwarz. Doch in Braunau selbst ist das anders. Da war es eine kleine Sensation, als 2011 der „Hannes“, wie Bürgermeister Waidbacher gerufen wird, als ÖVP-Mann bei der letzten Bürgermeisterwahl eine mehr als 50 Jahre währende SPÖ-Herrschaft beendete. Seither hat er nicht nur ein schönes Büro im dritten Stock des Rathauses, das vor gut hundert Jahren der Kaiser Franz Joseph persönlich eingeweiht hat, wovon die älteste erhaltene österreichische Filmaufnahme zeugt.

Sondern er hat auch das „Haus in der Salzburger Vorstadt“ am Hals. Gleich im Jahr seiner Wahl gab es eine Debatte über die Ehrenbürgerschaft Hitlers. Dabei war der Tyrann nie Ehrenbürger seiner Geburtsstadt, sondern nur eines inzwischen eingemeindeten Dorfes. Außerdem ist fraglich, ob eine Ehrenbürgerschaft über den Tod des Geehrten hinaus überhaupt noch gilt. Egal, die Debatte war da, wie vielerorts (auch in Deutschland), und die Braunauer taten das Klügste und erkannten Hitler die Ehrenbürgerschaft vorsorglich ein für alle Mal ab.

„Haus der Verantwortung“

Mit dem Haus ist es nicht so einfach. Abreißen kann man es nicht gut. Es ist Teil eines Ensembles alter Häuser und steht schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts unter Denkmalschutz. Es gehört dazu. Es ist unbequem. Und es ist nicht wegzukriegen. Vielleicht ist das Haus deshalb ein gutes Symbol für den Umgang mit der Hitlerzeit; nicht nur für Braunau. Braunau hat sich darangemacht, mit dieser Zeit umzugehen. Nicht vor ganz langer Zeit, aber doch verstärkt seit der Zeit von Bürgermeister Gerhard Skiba, und in diesem Punkt will Waidbacher ausdrücklich an seinen sozialdemokratischen Vorgänger anknüpfen.

Leicht war das nicht. 1990 wurde ein Stein mit einer mahnenden Inschrift vor das Haus gesetzt, da ist von „Frieden, Freiheit und Demokratie“ die Rede, „nie wieder Faschismus, Millionen Tote mahnen“. Hitler kommt nicht vor, was seltsam anmutet. Trotzdem gab es damals harten Widerstand durch ÖVP und FPÖ. Zwei Jahrzehnte später stand hinter dem Antrag zur Aberkennung der Ehrenbürgerschaft nicht nur ein ÖVP-Bürgermeister, sondern auch die FPÖ. Was nun aus dem Haus werden soll, ist noch umstritten, jenseits der Eigentümerfrage. Die Idee, dort Wohnungen zu vermieten, wird von SPÖ und Grünen als abwegig bezeichnet. Manfred Hackl von den Grünen macht sich für ein Gedenk- und Nutzungskonzept stark, das mit „Haus der Verantwortung“ betitelt ist.

Auch wenn er mit diesem Wort fremdelt, scheint sich auch Bürgermeister Waidbacher dem Konzept einer Gedenkstätte zu nähern. Und die Braunauer? Die bei der nicht repräsentativen Fragerunde nicht abwinken, sind zwei junge Frauen. Eine Abiturientin aus dem Friseursalon findet, am sinnvollsten wäre es, wenn wieder eine soziale Einrichtung hereinkäme. Sie fügt ganz sinnig hinzu: Schließlich habe Hitler doch gerade den Behinderten Übles angetan. Eine, die in einem Geschäft schräg gegenüber arbeitet, schlägt vor, ein Museum einzurichten. Sie habe Freunde aus Deutschland, die sie immer wieder nach dem Geburtshaus Hitlers fragten und enttäuscht seien, dass man nicht hineinkönne. Und was soll man dort zeigen? „Das Bett, wo er geboren wurde, und so.“ Nichts könnte die Ambivalenz eines Museumsprojektes besser illustrieren.

Stephan Löwenstein
Frankfurter Allgemeine Zeitung
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/hitlers-geburtsort-in-braunau-steht-ein-haus-zu-viel-11901081.html

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