Interview mit dem wissenschaftlichen Leiter der Braunauer Zeitgeschichtstage, Dr. Andreas Maislinger

Wie kommt ein Innsbrucker Politologe dazu, ein Braunauer Tabu anzurühren?

Weil ich vor sechs Jahren in der Braunauer Rundschau einen Kommentar von Erich Marschall gelesen habe. Der damalige Chefredakteur Ihrer Zeitung hatte in diesem Kommentar verlangt, daß sich seine Heimatstadt der Geschichte stellt. Ich lebe zwar seit 1982 in Innsbruck, bin jedoch in St. Georgen, direkt an der Grenze zum Innviertel geboren und habe von 1966 bis 1970 in Ostermiething die Hauptschule besucht. Mein Vater stammt aus St. Pantaleon, ich bin also ein halber Innviertler.

Was verbinden Sie persönlich als erstes mit dem Namen Braunau?

Es mag banal klingen, aber vor dem Haus meiner Eltern, dem Gasthaus Auwirt, ist eine Posthaltestelle. Die beiden Endstationen der Busverbindung sind Salzburg und Braunau. Diese Kindheitserinnerung wirkt bis heute nach, später habe ich natürlich auch erfahren, daß Hitler dort geboren wurde. Von meinem ersten Besuch Mitte der 70er Jahre habe ich vor allem eine liebenswerte verträumte Kleinstadt in Erinnerung. Zufällig wurde dort am 20. April 1889 ein Mann geboren, der für die (neben Stalin) größten Verbrechen unseres Jahrhunderts verantwortlich zu machen ist.

Können Sie sich unseren Lesern kurz vorstellen?

Wie bereits erwähnt, stamme ich vom Auwirt in St. Georgen. Nach meinem vierjährigen täglichen Ausflug als Hauptschüler ins Innviertel pendelte ich weitere vier Jahre nach Salzburg ins Gymnasium. Nach zwei Jahren Studium in Salzburg ging ich nach Wien, dann nach Frankfurt, Berlin, Prag, Oslo und anderen Städten, um Politikwissenschaft und Geschichte zu studieren. Meine Dissertation über österreichische Verteidigungspolitik habe ich bei Professor Anton Pelinka an der Universität Salzburg eingereicht und 1980 das Studium mti dem Doktorat abgeschlossen. 1978 war ich auch in Israel und habe für einige Wochen in einem Kibbutz gearbeitet. Es würde jetzt zu weit führen, auch noch zu erzählen, wie ich immer mehr dazu gekommen bin, mich mit „Vergangenheitsbewältigung“ zu beschäftigen.

Haben Sie schon Sympathisanten (Finanziers) für Ihr Projekt?

Dafür ist die Firma Marschall & CO OEG in Braunau zuständig. Wir haben eine klare Abgrenzung vorgenommen: Das Organisationsbüro, und dazu gehört auch die Finanzierung, ist in Braunau. Von Innsbruck aus werden die Teilnehmer eingeladen und das inhaltliche Konzept entwickelt. Was den von mir zu verantwortenden Teil betrifft, kann ich sagen, daß die 1. Braunauer Zeitgeschichtstage auf Interesse und Zustimmung stoßen. Zuletzt erschien auch in der in New York erscheinenden deutschsprachigen jüdischen Zeitung AUFBAU ein positiver Artikel. Aus einigen Städten liegen auch bereits konkrete Zusagen zur Teilnahme vor. Mein Student Gia Darsalia ist während der Semeterferien in seine Heimat Georgien geflogen und hilft mir bei der Herstellung der Kontakte in Gori, der Geburtsstadt Stalins.

Wollen Sie mit den Zeitgeschichtstagen die Braunauer Bevölkerung „vergangen- heitsbewältigen“ oder einen Historikerkongreß veranstalten?

Gerade weil ich mich seit etwa fünfzehn Jahren intensiv mit „Vergangenheits- bewältigung“ beschäftige, bin ich skeptisch und zurückhaltend geworden. Ver- gangenheit läßt sich nicht „bewältigen“, sondern nur aufarbeiten. Bewältigen kann ich immer nur die Gegenwart. Wer mein Buch „Der Putsch von Lamprechts- hausen – Zeugen des Juli 1934 berichten“ gelesen hat, wird auch gemerkt haben, daß ich nicht vordergründig belehren will. Den Braunauern soll nichts aufge- zwungen werden, die Bereitschaft, hinzuhören und sich mit anderen Meinungen zu konfrontieren, erwarte ich jedoch schon. Was das Stichwort Historikerkongreß betrifft: Die Braunauer Zeitgeschichtstage versuchen etwas Neues. Es sollen jeweils Themen behandelt werden, welche die Menschen in Braunau und Umgebung beschäftigen und gleichzeitig auch eine über den engeren Raum hinausgehende internationale Bedeutung haben. Deshalb wrid auch die Bevölkerung am Sonntag Vormittag zu einer öffentlichen Veranstaltung eingeladen.

Wie werden die Zeitgeschichtstage ablaufen?

Der Kern der Zeitgeschichtstage wird eine relativ kleine Tagung mit etwa 20 bis 30 Teilnehmern sein. Dazu kommen noch etwa 10 Journalisten. Nach der Eröffnung am Freitag sollen die Teilnehmer am Samstag den ganzen Tag Gelegenheit für einen intensiven Gedankenaustausch haben. Am Sonntag Vormittag werden die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert. Die 2. Braunauer Zeit- geschichtstage werden sich nächstes Jahr ganz für die interessierte Bevölkerung öffnen. Ich überlege mir ehemalige ukrainische und polnische Fremdarbeiterinnen zusammen mit den österreichischen und bayerischen Bauern einzuladen, bei denen sie während des Krieges gearbeitet haben. Historiker werden dabei eine geringe Rollen spielen, nächstes Jahr sollen die Betroffenen im Mittelpunkt stehen.

Welche Referenten sollen den Erfolg garantieren?

Eine Erfolgsgarantie gibt es natürlich nicht! Ich bemühe mich jedoch, die für das jeweilige Thema interessantesten Persönlichkeiten anzusprechen. Ich möchte aber mit der Veröffentlichung von Namen jeweils bis kurz vor der Tagung warten. Bei dieser Gelegenheit muß ich unbedingt anmerken, daß sich die Braunauer Zeitgeschichtstage auch hier von den vielen Konferenzen unterscheiden werden: Bei uns werden nicht die großen Namen im Vordergrund stehen, welche oft un- verschämt viel Geld verlangen, bei uns werden alle Teilnehmer gleichberechtigt sein und einen wichtigen Beitrag leisten. Jede Regel hat Ausnahmen, und auch wir werden den einen oder anderen Starreferenten einladen. Hier gilt aber wieder das vorhin Gesagte: Keine Veröffentlichung von Namen vor einer endgültigen festen Zusage. Da international bekannte Referenten – wie erwähnt – ein hohes Honorar verlangen, hängt die Einladung auch von unseren finanziellen Möglichkeiten ab. Anders gesagt: Dei Braunauer Zeitgeschichtstage versuchen weniger durch Namen, als vielmehr durch interessante neue Fragestellungen Aufmerksamkeit zu erregen. Die Tagung unter dem Thema „Unerwünschtes Erbe“ hat dieses Konzept breits jetzt bestätigt. Das zeigen die Reaktionen.

Wie kommen Sie darauf, daß Braunau eine Aufarbeitung der Nazizeit besonders notwendig hat?

Das behaupte ich nicht.

Sollen die Zeitgeschichtstage eine einmalige Aktion bleiben?

Nein, auf keinen Fall! Das Thema der 2. Braunauer Zeitgeschichtstage habe ich bereits erwähnt. Wenn alles weiter so gut klappt, würde ich gerne unter anderem noch folgende Themen behandeln: „Franz Jägerstätter – und die anderen?“ Die Terminisierung dieser Tagung möchte ich noch von der wahrscheinlich bevor- stehenden Heiligsprechung abhängig machen. Jägerstätter wird in vielen europäischen Ländern und in Amerika sehr verehrt, und in den letzten Jahren haben sich Historiker verstärkt mit Jägerstätter beschäftigt. Frau Dr. Erna Putz lädt jedes Jahr am Todestag Anhänger Franz Jägerstätters nach Ostermiething ein. Obwohl ich Jägerstätter auch schätze, möchte ich in Braunau auch kritische Fragen stellen: Warum wird an andere hingerichtete Wehrdienstverweigerer nicht erinnert? Warum hat Jägerstätter nichts über die Ermordung der Juden geschrieben? Das Leiden der russischen Menschen hat ihn hingegen sehr beschäftigt. „Der böhmische Gefreite“ soll eine weitere Tagung heißen. Paul von Hindenburg glaubte kurze Zeit, daß Hitler in der böhmischen Garnisonsstadt gleichen Namens diente. Diese Tagung ist jedoch noch genau so wenig konkret überlegt, wie eine andere, welche Kinder und Enkel von NS-Verbrechern nach Braunau bringen soll. Auf diese Idee haben mich lange Gespräche mit Helmut Seyss-Inquart aus Bürmoos gebracht. Konkret hingegen ist der Plan, die völlig tabuisierte Vertreibung der Deutschen aus Oberösterreich aufzuarbeiten. Über die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei wird gerade in diesen Tagen wieder viel gesprochen, daß nach dem Zweiten Weltkrieg auch Tausende aus Österreich vertrieben wurden, wird bis heute nicht öffentlich diskutiert. Auf dieses Thema hat mich Dr. Wilfried Garscha, ein Mitarbeiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Wider- stands, gebracht. An diesem Thema lassen sich wieder die von den Braunauer Zeitgeschichtstagen angestrebten Schwerpunkte erkennen: Lokaler Bezug (Ver- treibung auch aus dem Innviertel), Einbeziehung von Betroffenen, Aufgreifen eines Tabuthemas und damit verbunden der Versuch, der Geschichtsforschung neue Impulse zu geben.

Was wollen Sie mit der Aktion erreichen?

Neben dem soeben Gesagten will ich der Stadt Braunau helfen, sich einen gutetn Namen zu machen. Braunau sollte in einigen Jahren nicht nur mit Hitler, sondern mit neuen Anregungen im Bereich der Zeitgeschichtsforschung in Verbindung gebracht werden.

Rechnen Sie mit Widerstand oder: Könnte Ihr Versuch auch ins Gegenteil umschlagen?

Offen gestanden, anfangs hatte ich Angst, besonders von israelischen Historikern mißverstanden zu werden. Aus diesem Grund habe ich mich auch abgesichert und vorher mit dem Direktor des Archivs in YAD VASHEM, Dr. Shmuel Krakowski, Professor Robert Wistrich udn anderen darüber gesprochen. Erst nachdem mir Krakowski und Wistrich im November in Wien versichert haben, daß Sie die Idee gut finden, ging ich damit an die Öffentlichkeit. Der eine oder andere kritische Artikel wird sicherlich erscheinen, das gehört sozusagen zum Geschäft, ins Gegenteil wird es jedoch sicher nicht umschlagen. Die fast täglichen zustimmenden Reaktionen scheinen dies auszuschließen.

Sollte das Hitler-Haus für derartige Projekte oder auch als Art Museum angekauft werden?

Das soll der Bürgermeister entscheiden. Als wissenschaftlicher Leiter der Zeitgeschichtstage fühle ich mich nur für diese zuständig. Eine Meinung habe ich dazu jedoch: In Anlehnung an das Beispiel der Wannsee-Villa in Berlin könnte die Stadt Braunau das Haus erwerben und die österreichische Holocaust-Forschungs- und Gedenkstätte einrichten. Da ohnehin nicht alle zentralen Forschungs- institute in Wien angesiedelt sein sollten, könnte ich mir vorstellen, diese als Ergänzung zum Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) notwendige Einrichtung in Braunau zu errichten. Der wissenschaftliche Leider des DÖW, Dr. Wolfgang Neugebauer, hat mir, nachdem ich ihn darauf angesprochen hatte, gesagt, daß er die Ideen diskutierenswert findet. Geographisch liegt Braunau sehr günstig. Museum sollte das Hitler-Geburtshaus auf keinen Fall genannt werden. Uninformierte Journalisten könnten zu leicht auf die Idee kommen, über die Eröffnung eines „Hitler-Museums“ zu berichten. Wenn es Bürgermeister Gerhard Skiba wünscht, werde ich die Teilnehmer der 1. Braunauer Zeitgeschichtstage um eine Stellungnahme bitten. Im September werden wir ganz bestimmt auch darüber reden.

Sie wollen den Mahnstein vor Hitlers Geburtshaus entfernen. Warum?

Wie bei der vorherigen Frage gilt hier: Das ist eine Entscheidung der Stadt Braunau. Der Bürgermeister hat durch die Errichtung des Mahnsteins Mut bewiesen. Ich hätte eine Tafel anbringen lassen: Adolf Hitler 1889-1945. Nicht mehr und nicht weniger. Meinen Standpunkt habe ich 1989 in Ihrer Zeitung in einem Artikel ausführlicher dargelegt. Jetzt geht es mir um eine gute Zusammenarbeit mit Bürgermeister Gerhard Skiba und Stadtrat Wolfgang Simböck.

Dr. Andreas Maislinger
https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Maislinger
Braunauer Rundschau

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