Mit dem unerwünschten Erbe umgehen

Tagungen mit Vertretern aus mit der NS-Vergangenheit belasteten Städten sind geplant.

Braunau (tr). Von 25. bis 27. September 1992 finden die ersten Braunauer Zeitgeschichtstage statt. Das Thema: „Unerwünschtes Erbe“. Die Absicht der Veranstalter ist nicht Vergangenheitsbewältigung, sondern ein Tabuthema aufzugreifen und damit der Geschichtsforschung neue Impulse zu geben.

Dr. Andreas Maislinger, Innsbrucker Politwissenschaftler wissenschaftlicher Leiter der Braunauer Zeitgeschichtstage, erklärte am Montag in einer Pressekonferenz dazu: „Braunau soll in einigen Jahren nicht nur mit Hitler, sondern mit neuen Anregungen im Bereich der Zeitgeschichtsforschung in Verbindung gebracht werden“. Internationale Wissenschaftler und Vertreter aus Städten, die wie Braunau mit Verbrechen der Vergangenheit assoziiert werden. tagen in Braunau. Mauthausen, Buchenwald, Dachau, Kielce, Bautzen und Gori (Geburtsstadt Stalins) haben ebenfalls mit einer Erbschaft umzugehen. zu der die heutige Generation nichts beigetragen hat. Experten dieser Orte wollen in Braunau konstruktive Gespräche führen und neue Ansätze finden. mit der Belastung durch die Vergangenheit umzugehen. Die Ergebnisse werden im Zuge einer öffentlichen Podiumsdiskussion behandelt. Die Braunauer Zeitgeschichtstage sind keine einmalige Veranstaltung. Einmal jährlich wird eine Zusammenkunft kompetenter Gesprächspartner stattfinden ein interessantes Thema mit Vergangenheitsbezug diskutiert werden. So ist unter anderem vorgesehen, ehemalige Zwangsverpflichtete aus dem Osten nach Braunau einzuladen und die Bauern, bei denen sie damals gearbeitet haben, wobei auch der weitere Lebensweg nach ihrer Rückkehr nach Rußland, der meist erst zur Katastrophe führte, aufgearbeitet werden soll.

Bürgermeister Gerhard Skiba verwies auf Hitlers Geburtshaus, das wohl auch in diese Diskussion eingebunden werden müsse. Daneben weist Braunau auch noch ein schlichtes Marterl in der Au auf, wo ein Simbacher, Georg Hauner, am 30. April 1945 wegen Fahnenflucht erschossen wurde. Er war der Sohn des Heraklitharbeiters Paul Hauner von Mooseck. Das ursprünglich zusammengestellte Standgericht fällte zwar einen Freispruch doch der betreibende SS-Major ließ keine Ruhe und stellte ein neues Standgericht zusammen, bis endlich das erwünschte Todesurteil gefällt wurde. Wie der wissenschaftliche Leiter Dr. Andreas Maislinger betonte, „soll, darf und muß über alles gesprochen werden, auch wenn es sich um konträre Meinungen handeln soll, anders kann man an die Vergangenheit nicht herankommen“. Wie er selbst sagt, vergeht zwar kein Tag, an dem in den deutschsprachigen Medien nicht der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ auftaucht. Infolge der revolutionären Veränderungen vieler Staaten des „realen Sozialismus“ nehme die Häufigkeit der Verwendung dieses Begriffes sogar noch zu. Zur Aufarbeitung all dieser Fragen sollen in Braunau die Zeitgeschichtstage veranstaltet werden.

Zusätzlich soll eine Ausstellung in der Herzogsburg dieses Problem in den Mittelpunkt rücken, eine Ausstellung zur zeitgeschichtlichen Heimatkunde vom 3. bis 5. April (Dienstag bis Samstag, 13 bis 17 Uhr). Die Eröffnung dieser Ausstellung erfolgt am 3. April um 20 Uhr in der Herzogsburg durch Dr. Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Am 8. April um 20 Uhr in der Herzogsburg spricht Prof. Josef Weidenholzer zur Psychologie des Faschismus. Und am 24. April um 20 Uhr spricht Walter Paulhart zum Thema „Aktuelle Strömungen des österreichischen Rechtsextremismus“.

Passauer Neue Presse
http://www.pnp.de

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