Natürlich Unsinn

Der Gröfaz nannte es ein „von den Strahlen deutschen Märtyrertums vergoldetes Innstädtchen, bayerisch dem Blute, österreichisch dem Staate nach“. Spielt es eine Rolle im täglichen Leben dieser Stadt, daß Adolf Hitler einmal hier geboren wurde? „Von Braunaus historischen Persönlichkeiten kamen drei auf unnatürliche Weise ums Leben“, sagt der asthmatische Archivar: der Handelsmann und Ratsherr Hans Staininger, der 1567 bei einem Brand des Rathauses über seinen Bart stolperte und sich das Genick brach, der Buchhändler Johann Philipp Palm, den Napoleon erschießen ließ, und „die dritte Persönlichkeit wäre Adolf Hitler, der hier geboren wurde und hier seine ersten, ganz ersten Jugendjahre verbrachte“.

Im Schlafzimmer klappt Franz Kronberger die Türen seiner Schaukästen auf: „Reichskriegerflagge, Schnüren, Tätigkeitsabzeichen der Luftwaffe, Orden des Heeres“ — auf dem Marktplatz mahnt der Lautsprecherwagen: „Nützen Sie die letzte Gelegenheit, das Volksbegehren für ein modernes Freizeitgesetz zu unterzeichnen.“

Das Geburtshaus in der Salzburger Vorstadt 15? Der Gemeinderat weiß, daß es besucht wird, aber „nicht von Braunauern, die ihm bestimmt keinerlei Bedeutung zumessen, sondern von Fremden aus aller Herren Länder, insbesondere aus Übersee“. Der Kämmerer, der Braunau in der Gefahr sieht, in „eine Randlage zwischen EWG und EFTA“ zu geraten, ist ebenso gut informiert: „Es spielt nicht die Rolle, die man, von außen betrachtet, annehmen könnnte“ — nur Frau Berger, aus der Sicht ihres Würstchenstandes, erkennt: „… und belebt überhaupt den ganzen … den ganzen … Dings die ganze Wirtschaft in Braunau.“ Franz Kronberger mit der monotonen Stimme eines Fremdenführers: „Sämtliche Gesäßbänder, Tätigkeitsabzeichen der Partei, der Hitlerjugend, SA, Luftschutzbund, SS …“

Ein Modell der Stadt Braunau, in Keramik. 1938 wurde es von der „dortzumaligen“ NSV in Auftrag gegeben, 1939 erhielt Hitler es als Geburtstagsgeschenk, es wanderte ins Deutsche Museum; 1946 aber hatte das Museum „keinen weiteren Verwendungszweck dafür“ — heute steht das Prunkstück im Heimatmuseum Braunau.

Man habe, versucht der Gemeinderat aufzuklären, „den Vorwurf gemacht, sie wären die hitlerischiste Stadt Österreichs gewesen; dies ist natürlich ein Unsinn, um mich gelinde auszudrücken“. Ebenso gelinde wohl drückt sich sein Mitbürger aus, als er erläutert, warum man eine Kennzeichnung des Geburtshauses bislang unterließ: „Einfach aus dem Grund, weil an diese Zeit viele Menschen schreckliche Erinnerungen haben.“ Franz Kronberger: „Münchner Blutorden, Parteiabzeichen, Dienstabzeichen der NSDAP …“

Zum Kameraschwenk durch den „Steffi“ macht der Domherr den Kunstführer: „Fünfzehn Altäre, jede Zunft hatte einen Altar; je mächtiger und angesehener sie waren, um so weiter waren die Zünfte nach vorn gerückt, zum Beispiel die Bierbrauer.“ 1941, beim „großen Glockensterben“, schrieb Hochwürden auf Anraten des Landeskonservators, um die Braunauer Glocken, die „ja geläutet haben, als Hitler in österreich einzog“, vor dem Umguß zu bewahren, an den Reichsmarschall Göring, „so haben wir’s gerettet, ich meine, bin ich auch zum Nutzen der Braunauer gewesen Der Wochenmarkt von Braunau, das neue 100 000 qm große moderne Freizeitzentrum für 22 Millionen Schilling und die Festschriften zur Siebenhundertjahrfeier 1960 — „da wurden besondere Marken aus der Hitlerzeit hier ausgestellt, Hitler mit dem Braunauer Turm mit dem Ersttagsstempel zu Braunau, nebstbei zwei Plaketten, die Heimkehr der Ostmark, 13. März 1938, und die anderen beiden sind Plaketten zum Gedenken des Schöpfers des Großdeutschen Reiches“ — die Madonna in der Taufkirche und die , Truhen des Franz Kronberger, die Begrüßung des Bundespräsidenten und die einfältigen Bemerkungen deutscher Touristen — Ernst-Ludwig Freisewinkel ließ in seiner faszinierenden Dokumentation über die „Stadt ohne Führer“ diese Stadt selber sprechen, ihre Bewohner und ihre Besucher, ihre Funktionäre und das junge Mädchen aus dem Sportklub, den Pfarrer, der mit ausgebreiteten Armen, und den Sammler heraldischer Devotionalien, der auch den zwanzigsten Schauladen — „die Erkennungsmarken der deutschen Wehrmacht, die Gefallenen von Braunau, der reitende Tod auf dem Schlachtfeld, selber gemacht“ — noch mit der gleichen Monotonie erläuterte. Statt einer Einführung die Bilder der Wirklichkeit, statt eines Kommentars der meisterliche Schnitt mit virtuosen Konfrontationen, statt der Moral ein Insert-Postscriptum, die Truhen Franz Kronbergers („I woar jo a Gegner gegen ’n Hitler, weil’r mir mei Voaterland gnumma hat“) betreffend: „Herrn Kronbergers Sammlung ist unverkäuflich. Interessenten boten bereits vergeblich 30 000 Dollar.“

Heinz Josef Herbort
Die Zeit
http://www.zeit.de/1970/07/natuerlich-unsinn

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