Neue Warte am Inn – Geschichte 2

Wien und der Walzer, Salzburg und Mozart, Linz und die stickige Luft, für Paris d´amour, und für London der Nebel. Zu jeder Stadt die passende (?) Beifügung, das passende Klischee.

Für Braunau – Adolf Hitler. Für viele gilt Braunau als Ausgangsort, als Beginn einer leidvollen, historischen Epoche. Braunau, der Geburtsort des Führers. Ein für viele in- und noch mehr ausländische Fernsehanstalten und Zeitungen lieb gewordenes, beinahe verhätscheltes Thema. Der Journalistenauftrieb am 20. April 1986, also vor wenigen Wochen, sprach für sich und gegen Braunau.

Wer Geschichte objektiv verfolgt, die Wahrheit in der Verbindung zwischen Braunau und Adolf Hitler kennt, und wer schließlich diese Stadt liebt, der ärgert und fragt sich wegen des immer wieder und allerorts geäußerten Vorwurfs: „Ja, ja, Braunau, eh schon wissen…“

Braunau, besser ihre führenden politischen Vertreter verhalten sich seit Jahren ähnlich einer Jungfrau, der die Volksmeinung vorwirft, sie wäre Mutter eines unehelichen Kindes. Doch das Mädchen schweigt, obwohl unschuldig.

Braunau, jawohl, das ist der Geburtsort von Adolf Hitler. Dies ist geschichtliches Faktum, nie mehr auslöschbar, nie mehr änderbar. Aber gerade aus dieser Tatsache könnte die Stadt doch endlich die Verantwortung, die Pflicht ableiten, sich eingehender, gründlicher mit der Zeit vor und während der NS-Zeit zu beschäftigen. Aber nicht irgendwo im stillen, kleinen Kämmerlein. Braunau muß aktiv werden, muß sich zumindest in Österreich einen Namen in der Aufarbeitung der Geschichte verschaffen. Dies kann nur geschehen mit viel Toleranz, ohne politische Absichten, mit Phantasie und Liebe zur Stadt. Eine schwierige Aufgabe, die auch auswärtige Experten erfordert. Eine Einladung an die Historikerin Erika Weinzierl, eine Einladung an Simon Wiesenthal, eine Einladung von Braunau ausgehend an ehemalige KZ-Insassen. Franziska Jägerstätter wohnt 40 Kilometer entfernt von Braunau.

Phantasie, ja Phantasie wird benötigt. Warum keine jährlich wiederkehrenden Veranstaltungen zu diesem Thema unserer Geschichte? Ein „steirischer Herbst“ auf politische Bühne in unserer Stadt? Wo liegen Ziel und Aufgabe solcher keineswegs ausgefeilter Ideen, Veranstaltungen, Diskussionsrunden? Nicht im Wühlen in vergangenen Tagen, aber wer die Geschichte wirklich kennt, wehrt in der Gegenwart den Anfängen der Gefahren für unsere freie Gesellschaft. Braunau, gerade weil Geburtsort von Adolf Hitler, könnte ein geistiges Bollwerk gegen ewig-gestrige Ideen errichten. Eine verantwortungsvolle, eine edle Pflicht für die führenden Persönlichkeiten von Braunau – geistiges Format, Mut, Geschichtskenntnis, Toleranz, Phantasie und politischer Weitblick werden gefordert. Nicht aber eine schweigende Jungfrau.

Erich Marschall
http://www.08-17.com
Neue Warte am Inn

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