Neue Warte am Inn – Geschichte

Fremdenverkehrsorte, ob nun die mondänen, wie Kitzbühel, St. Anton oder Velden, aber natürlich auch die „kleinen“, wie Franking, wissen längst von den Schwierigkeiten im Wettrennen um in- und ausländische Gäste. Sie alle basteln an Konzepten, Prospekten, Programmen und werben auf Fremdenverkehrsmessen mit den sonnigsten Bildern, mit tief verschneiten Hängen.

Braunau, die Bezirksstadt, bekommt´s billiger. Zum besten Sendetermin, Sonntag, 9. März, 19.30 Uhr, berichtet das Zweite Deutsche Fernsehen von der Geschichte, vom Leben, von den Leuten der Grenzstadt. Als der ZDF-Journalist, Kameramann, Tontechniker und Beleuchter sich in Braunau aufhielten, erlebten sie aber höchst Seltsames. Kein netter Empfang im Rathaus, kein freundliches „Grüß Gott“, kein ziel führendes „Was dürfen wir Ihnen von unserer Stadt zeigen?“

Die braune Angst der Braunauer Stadtväter schlug wieder durch. Aus Furcht, die Sendung im ZDF könnte zu stark den Geburtsort Adolf Hitlers herausarbeiten, waren die Rathaustore zugefallen, noch ehe die Journalisten den Inn überquerten.

Braunau – Geburtsort Adolf Hitlers. Natürlich wird der Film am kommenden Sonntag diese geschichtliche Tatsache erwähnen. Ein geschichtlicher Moment und daher wie Geschichte insgesamt – nicht mehr abänderbar, nicht mehr korrigierbar; aber Braunaus Gegenwart und Zukunft doch in keiner Weise beschämend oder belastend.

Ja, richtig. Warum aber die Angst, das dumme Schweigen der Stadtväter? Zwischen dem objektiven Betrachten geschichtlicher Ereignisse und dem Verherrlichen derselben besteht noch immer ein gewaltiger Unterschied. Also: wer ohne Gesichtsröte äußert, wo Adolf Hitler zur Welt kam, ist noch lange kein ewig Gestriger. Nur einige politisch Aktive in Braunau denken entgegengesetzt, naiv und malträtieren die Regierungspartei. Braunaus Politiker handeln ähnlich einem Mann, der sich für rein lediges Kind schämt, ohne selber der Vater des Sprösslings zu sein.

Eine in dieser noch niemals richtig aufgearbeiteten Frage klare und eindeutige Linie muß endlich gefunden werden. Braunau ist der Geburtsort Hitlers. Zu rütteln, zu verleugnen, zu verschweigen gibt es da wohl nichts. Nur wer schweigt, sorgt für noch mehr und falsche Schlagzeilen in Zeitungen, die Braunau ohnehin, und zwar rat-hausgemacht, schon erntete.

Wenn Scham und Reue in Zusammenhang mit der Hitler-Ära angebracht sind, dann für jene Helden des 1000jährigen Reiches, die nach dem Zusammenbruch im Braunauer Gemeindeleben – egal in welcher Partei – politische Funktionen und später natürlich auch Auszeichnungen einheimsten. Aber darüber spricht niemand.

Erich Marschall
http://www.08-17.com
Neue Warte am Inn

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