Nicht totzuschweigen

Lange empfand Braunau das Geburtshaus Adolf Hitlers als Last. Heute begreift die österreichische Grenzstadt den offenen Umgang mit ihrem unerwünschten Erbe auch als Chance.

Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zweier deutscher Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint.
– Adolf Hitler 1924 in Mein Kampf

Über die Grenze nach Braunau: Früher standen hier zwei Zollposten, deren Beamte einen Tennisarm vom dauernden Durchwinken hatten. Nachts nickten manche nur, und manche nickten auch ein. Lächerlich war diese Grenze schon damals.

Heute kann man hier, wo je nach Willkür des Weltenlaufs mal Bayern, mal Österreich war, das Zusammenwachsen Europas beobachten. Die Grenze: Auf den ersten Blick gibt es sie nicht einmal mehr unsichtbar. Eigentlich verläuft sie irgendwo auf der schlichten Stahlbetonbrücke, die über den Inn nach Österreich führt, aber das Handy bleibt im deutschen Netz. Niemand winkt mehr durch, es gibt nicht einmal Schilder, und wer sich so wie aus Versehen auf dem Braunauer Stadtplatz wiederfindet, kann seine Parkgebühren auch in Mark entrichten.

Über den Platz weht der Geruch von Döner und „Bauernpizza“, richtig kalt ist es nicht. Die Barockfassaden leuchten auch im Winter lebensfroh, und in einem der heimeligen Häuser sitzt Bürgermeister Gerhard Skiba, der mit unverhohlenem Stolz sagt, er habe ein schlechtes Gewissen, mehr Firmen nach Braunau zu holen: Arbeitskräftemangel. Braunau ist „Technologiezentrum“, das von der Nähe zu oberbayerischen Chemiewerken profitiert.

Es freut Skiba, dass immer mehr Menschen deswegen nach Braunau kommen. Auch deswegen. Ironie der Geschichte, dass hier Österreich und Deutschland ganz anders zusammenwachsen, als Hitler es wollte. Und trotzdem der Geist seines ungeliebten Sohnes Braunau noch immer heimsucht. Bis heute kommen zahlreiche Touristen nur wegen eines Hauses, das Braunau im Hinterhof des Stadtplatzes versteckt: dem Geburtshaus Adolf Hitlers. Und noch immer versuchen braune Dunkelmänner, die Stadt, den Namen, für sich zu vereinnahmen, auch wenn sich Braunau dagegen mit aller Kraft wehrt.

Es gibt kein Schild am Stadtplatz, das auf das Haus hinweist, in dem Hitler seine ersten drei Lebensjahre verbracht hat. Wer es sucht, muss fragen. Und wer das tut, dem erscheint das Fehlen von Schildern weniger als Verschweigen oder Gleichgültigkeit, sondern als eine Art passiver Widerstand gegen braune Pilger: Die Rechten lässt man ins Leere laufen.

Irgendwie hat man schon Scheu, danach zu fragen. „Zum Hitlerhaus?“, da ist es, dieses hässliche Wort, Lokaljargon, der in seiner Härte kurz erschrecken lässt. Die Passantin am Stadtplatz spricht es unumwunden aus, aber es ist, als hätte sie einen schweren Brocken fallen lassen. Dabei erklärt sie freundlich den Weg, was sie offensichtlich nicht zum ersten Mal tut. Sie mustert einen nicht direkt, aber man merkt am Blick: da ist noch was.

Auf die Frage nach dem Haus erntet man im Tourismusamt außer der kargen Wegbeschreibung einen hintergründigen Blick von Brigitte Resch, die wenig später einen weiteren Strich auf ihrer Liste macht. Zehn bis 15 sind es im Frühling und Sommer täglich, „viele Jüngere bis 30, darunter viele Amis und Kanadier“ sowie „die ältere Generation“ ab 60. Man bekommt hier Zugverbindungen, Informationen übers Salzburger Land und einen Prospekt der „Historischen Handelsstadt Braunau“, der den Besuch des Bezirksmuseums („Hervorzuheben wären auch die große Volkskrippe, die Feuerlöschgeräte und die wertvolle Waffensammlung“) empfiehlt. Wer zufällig hierher gerät, muß schon in den kostenlosen Stadtplan hineinblättern, um auf Hitler und das Haus zu stoßen. „Mahnmal für die Opfer des NS-Regimes“ steht dick gedruckt in der Legende, „vor Hitlers Geburtshaus“ klein und mager darunter.

Zum „Hitlerhaus“ kommt man durchs Salzburger Tor, das den Stadtplatz von der „Salzburger Vorstadt“ trennt. Zwischen schick renovierten Giebeln steht es da, leicht vernachlässigt, unschlüssig. „Volksbücherei“ steht auf der gelben Fassade, von der der Putz bröckelt. Und trotzdem ist es ein beliebtes Fotomotiv – für Gedankenlose wie für Leute mit Hintergedanken. Der Vordereingang ist geschlossen, in den Fenstern hängen Sterne und Weihnachtsbäume aus Transparentpapier. Geistig Behinderte haben sie gebastelt, die von der „Lebenshilfe“ betreut werden, einer Organisation, die man bewusst als Mieter für das „Hitlerhaus“ ausgewählt hat. Eine Idee, die Alt- und Neo-Nazis keine Freude bereitet: „Letztes Jahr hat ein Besucher beinahe geweint, als er gesehen hat: hier ist jetzt eine Behindertenwerkstätte“, erzählt deren Leiter Heinrich Huemer, der schon öfter Kerzen entfernen musste, die man ihm zu „Führers Geburtstag“ auf den Fenstersims gestellt hatte. Der junge Mann, betrunken und in Bundeswehrhosen, ließ sich nur schwer aus dem Haus vertreiben – und an seiner Gesinnung keinen Zweifel: Zum Abschied zeigte er den Hitlergruß.

Der Bürgermeister weiß, wie schwer nur ein einziges Bild dieser Art in der Öffentlichkeit wiegt. Er will gesehen haben, „wie Journalisten an einem 20. April Jugendlichen einen Schein in die Hand drückten für einen Hitlergruß vor dem Haus“. Schlimm, wenn eine Bank der Stadt ein Konto auflöst, das die NPD für ihre österreichischen Anhänger ausgerechnet in Braunau einrichten musste. Internationales Medienecho ist der Stadt auch sicher, wenn die Polizei eine Gruppe von 17 Neonazis aushebt. Gerhard Skiba teilt dann die Resignation des örtlichen Polizeichefs, der sagt, es habe halt „wieder gut reingepasst“. Da spielt es keine Rolle, dass man die Rechtsextremen in einem zehn Kilometer entfernten Dorf dingfest machte.

Überhaupt scheint die ganze Stadt auf der Hut zu sein, Angst zu haben vor dem einen falschen Wort des „Dorftrottels“, nachdem es dann wieder in der Zeitung heißt: „Typisch Braunau“. Selbst in den Wirtshäusern stößt man als Journalist auf Misstrauen. An der Bar im „Mayr-Bräu“ erzählt man schließlich die Geschichte vom Reporter eines Nachrichtenmagazins, dem es inkognito gelang, am Datum von „Führers Geburtstag“ ein Hinterzimmer zu mieten. Für ihn ein klarer Beweis für Braunaus Gastfreundschaft gegenüber Nazis.

Kein Wunder, dass die Kleinstadt sich wie aus Reflex zurückzog vor denen, die einmal zu oft den Finger in Braunaus Wunde legten. Und sich damit um so bereitwilliger dem Vorwurf verschwiegener Komplizenschaft aussetzte.

Mit Gerhard Skiba kam 1989 einer aus der Nachkriegsgeneration an die Spitze der 17 500 Einwohner zählenden Kleinstadt, der sich einem offenen Umgang Braunaus mit seinem unerwünschten Erbe verschrieben hat. Anfangs stand er damit noch ziemlich allein: Eine Tafel sollte ans Haus, doch die Besitzerin ließ sie gerichtlich verbieten. Gegen einen Mahnstein aus dem nahegelegenen KZ Mauthausen stemmte sich sein Gemeinderat: wegen Sicherheitsbedenken. Den Stein stellte er trotzdem auf, in einer Nacht- und Nebelaktion, schließlich drängte die Zeit: „Führers 100. Geburtstag“ stand vor der Tür, und mit ihm Medienrummel und Polizeipräsenz wie sie Braunau nie vorher erlebt hat.

Seitdem hat sich viel getan. Das Geschirrgeschäft, in dem es Bierkrüge mit Hitler-Konterfei gab, hat geschlossen, die Braunauer kommen zahlreich zu den „Zeitgeschichte-Tagen“, und wenn sie über ihren SPÖ-Bürgermeister sagen, er sei „halt ein alter Juso“, klingt das durchaus anerkennend. Die „Zeitgeschichte-Tage“, eine Veranstaltungsreihe, die 1992 mit dem Motto „Unerwünschtes Erbe“ begann und sich seitdem jährlich mit Themen wie dem Schicksal von Zwangsarbeitern, aber auch den Konflikten auf dem Balkan beschäftigt, sind aber nur der erste Schritt eines offenen Umgangs Braunaus mit seinem historischen Vermächtnis.

Erneut Ironie der Geschichte, dass Braunaus Chance dazu gerade mit der Regierungsbeteiligung der FPÖ in Wien kam. Die Lokalzeitung initiierte eine Erklärung für Frieden, Freiheit, Toleranz und Demokratie mit der die Regierung in Wien „eingeladen“ wurde, gemeinsam mit der Stadt und gefördert mit EU-Geldern das „Hitlerhaus“ zu kaufen: Eine internationale Stätte der Versöhnung und Begegnung soll daraus werden.

Es sieht gut aus für ein solches „House of Responsibility„, denn das betreffende Ministerium hat seine volle Unterstützung zugesagt. „Der FPÖ-Teil der Regierung kann eine Verbesserung ihrer Reputation gut gebrauchen“, sagt Skiba, dem aber bis heute mulmig ist beim Kuhhandel „Geld gegen guten Ruf“. Bis jetzt funktioniert er, die Erklärung beruht auf breitem Konsens: Nicht nur viele Bürger, auch die FPÖ Braunaus haben sie unterschrieben.

Nach dem Konzept des Innsbrucker Politologen Andreas Maislinger, der in der Nähe von Braunau aufgewachsen ist und die „Zeitgeschichte-Tage“ mit organisiert, sollen auf drei Stockwerken nicht nur Vergangenheit aufgearbeitet, sondern auch Sozial- und Friedensdienst-Projekte weltweit unterstützt und koordiniert werden. Dann hat Braunau ein weiteres Projekt, das Grenzen überwindet.

Lukas Grasberger
Frankfurter Rundschau
http://www.fr-online.de/

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