Und Hitler läßt uns nicht mehr los – Braunau und seine Verantwortung

„Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln Durchzuführende Lebensaufgabe erscheint!“

Diese Anfangssätze in „Mein Kampf“ gehören zu den ganz wenigen Aussagen Adolf Hitlers über seinen Geburtsort. Da er noch als Kleinkind mit seinen Eltern von Braunau wegzog, hat sein Geburtsort wohl nur ganz zufällig mit dem größten Verbrecher unseres Jahrhunderts neben Josef Stalin zu tun. Und trotzdem lässt Braunau die Geburt Hitlers vor 100 Jahren nicht mehr los. Da ich aus St. Georgen bei Oberndorf stamme und in Ostermiething die Hauptschule besuchte habe, fühle ich mich mit dem Bezirk Braunau eng verbunden. Wenn Braunau wegen Hitler immer wieder in Verruf gerät, ist es mir daher nicht egal. Für die Geburt Hitlers ist Braunau nicht haftbar zu machen, für seinen Aufstieg ist diese Kleinstadt nicht mehr verantwortlich, wie Hunderte andere Orte Österreichs und Deutschlands. Wofür Braunau jedoch geradestehen muß, ist der Umgang mit der Tatsache, dass wegen des Geburtshauses Braunau für viele alte Nazis zu einer Art Pilgerort geworden ist. Und auf diese Tatsache hat die Stadt noch immer keine adäquate Antwort gefunden. Nach Jahren des Auf-die-lange-Bank-Schiebens hat sich der neue Bürgermeister Gerhard Skiba entschlossen, einen Gedenkstein zu errichten. Für seine Entscheidung ist ihm zu danken, auch wenn ich besonders mit der Aufschrift nicht zufrieden sein kann. Auch wenn es meiner Meinung nach keine richtige Entscheidung war (aber was ist um Umgang mit dem Geburtshaus Hitlers schon richtig?), es wurde wenigstens entschieden. Und fast alles ist besser, als wieder abzuwarten und nichts zu tun. Was ist meine Kritik an der Aufschrift? Zuerst einmal: Adolf Hitler wird weiter verdrängt. Der Name wird nicht ausgesprochen, als ob er gar nicht existiert hätte. War er vielleicht doch das Böse an sich – ein Teufel? Müssen wir versuchen, durch Formeln wie „Nie wieder Faschismus“ diesen Teufel zu beschwören?

Adolf Hitler war kein Teufel, er war Braunauer. Wären seine Eltern nicht weggezogen, wäre er als Nachbar gestorben. Wenn wir seinen Namen wieder nicht nennen, ändern wir gar nichts an dieser Tatsache.

Natürlich sind wir (hoffentlich) alle für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nur: Die Erfahrung der Jahre von 1938 bis 1945 hätten uns skeptischer gegenüber derartigen allgemeinen Bekenntnissen machen sollen. Außerdem: Auch die Länder des sogenannten „realen Sozialismus“ haben bis vor kurzem überall Bänder mit ähnlichen Aufschriften aufgehängt. Eine echte Demokratie braucht keine öffentlich ausgestellten Bekenntnisse. Eine echte Demokratie erkennt man an seinen konkreten Leistungen für die Menschen.

Es ist aber nicht nur diese allgemeine Beschwörung, die mich stört. Mich stört auch der Begriff „Faschismus“. Der Nationalsozialismus war mehr als Faschismus. Wer das feststellt, entschuldigt nicht den Faschismus in Italien, Spanien oder auch in Österreich vor 1938. Wer auf diese Unterscheidung Wert legt, will vor allem eine Verharmlosung des totalitären Nationalsozialismus verhindern. Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ist eben mit dem Anhaltelager Wöllersdorf nicht auf eine Stufe zu stellen. Die Verwendung des Begriffes Faschismus für praktisch alle diktatorischen Regime der Zwischenkriegszeit macht jedoch diese Gleichsetzung.

Warum steht dann aber Faschismus auf dem Gedenkstein und nicht Nationalsozialismus? Ich meine, dies hat etwas mit der Auffassung der österreichischen Sozialdemokratie zu tun. Für die österreichischen Sozialdemkraten begann die Verfolgung bereits 1934, und da einige von ihnen vom Ständestaat (dem „Austrofaschismus“) eingesperrt wurden, erstreckt sich für sie der Faschismus von 1934 bis 1945. Dazu kommen noch zwei meist verdrängte Tatsachen: Sozialdemokraten wurden oft gemeinsam mit illegalen Nationalsozialisten eingesperrt und es entstand eine Kameradschaft, welche auch nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich anhielt. Darüber schreiben sozialdemokratische Historiker nicht viel, es wird aber auch nicht bestritten. Die andere Tatsache ist: Nationalsozialismus war auch eine Form des Sozialismus. Hitler hat die Kommunisten und Sozialisten blutig verfolgt und sie gleichzeitig immer wieder bewundert. In der kürzlich vom Berliner Historiker Rainer Zitelmann veröffentlichten Hitler-Biographie (Musterschmidt Verlag, Göttingen/Zürich 1989, 176 Seiten) wird dies deutlich festgestellt, wenn er etwa schreibt: „Hitler selbst maß der Lösung der sozialen Frage, wie er in seinen „Tischgesprächen“ 1941/42 immer wieder betonte, eine entscheidende Bedeutung bei. „Auf dreierlei kommt es an bei jeder Erhebung“, so erklärte er am 26. Februar 1942, „Die Mauern einzureißen, welche die Stände voneinander trennen, um jedem den Weg zum Aufstieg freizugeben, ein allgemeines Lebensniveau zu schaffen derart, dass auch der Ärmste ein gewisses Existensminimum sicher hat, und schließlich zu erreichen, dass an den Segnungen der Kultur ein jeder teilhaben kann.“ Zitelmann hat dies in seiner früheren sehr umfangreichen Studie „Hitler – Selbstverständnis eines Revolutionärs“ überzeugend nachgewiesen.

Der Hinweis auf den Sozialismus Hitlers und der Nazis soll jedoch nicht von den anderen Einflüssen auf seine Weltanschauung ablenken. In Österreich kann sich keines der politischen Lager aus seiner Verantwortung stehlen: Nicht die Katholiken und Protestanten, die Bürgerlichen und Liberalen. Selbst für Stalin brachte Hitler Bewunderung auf. Ihm gefielen die politischen Säuberungen und „er kam immer mehr zu der Überzeugung, dass das sowjetische System der Planwirtschaft dem marktwirtschaftlichen System der kapitalistischen Länder weit überlegen sei“ (Zitelmann). Selbst die Grünen müssen sich mit ideologischen Bezügen auseinandersetzen, welche (auch) auf den Nationalsozialismus zurückgehen. Ich erinnere nur an die Kritik am Parteiensystem und an die Bezeichnung „Altparteien“, welche sie mit Jörg Haider verbindet. Am Anfang der Grün-Bewegung mussten immer wieder Rechtsextremisten ausgeschlossen werden. Aber mir geht es an dieser Stelle natürlich nicht um eine Kritik an den österreichischen Religionsgemeinschaften und Parteien. Mir geht es schlicht und einfach darum, dass sich nicht eine Partei der Haftung entzieht. Durch das Bekenntnis „Nie wieder Faschismus“ geschieht dies jedoch (bewußt oder unbewußt). Wenn schon ein Bekenntnis unbedingt sein muß, dann muß auch das Wort „Nationalsozialismus“ ausgesprochen werden.

Soweit zur Kritik am Gedenkstein. Wie soll es jedoch weitergehen? Braunau hat natürlich keine leichte Aufgabe, mit etwas mehr Mut und Phantasie müsste sie jedoch zu bewältigen sein. So hat etwa der Chefredakteur dieser Zeitung im Mai 1986 (die damals noch den schönen traditionsreichen Namen „Neue Warte am Inn“ führte) in einem Kommentar vorgeschlagen „Braunauer Zeitgeschichtstage“ zu organisieren. Für Erich Marschall sollte Braunau „ein geistiges Bollwerk gegen ewig gestrige Ideen errichten“. Aldemar Schiffkorn, damals Leiter des Oberösterreichischen Landesinstitutes für Volksbildung, und ich haben diesen Vorschlag sofort aufgegriffen und versucht, Marschall zu unterstützen. Leider ohne großen Erfolg. Ich wollte unbedingt die Stadt Braunau und damit den Bürgermeister als Veranstalter mit dabei haben. Bürgermeister Fuchs war sehr zurückhaltend, um es vorsichtig auszudrücken. Erst der neue Bürgermeister teilte uns mit, dass er die Idee gut findet.

Woraus besteht nun diese Idee? Während der „Braunauer Zeitgeschichtstage“ sollten Menschen über unsere jüngste Geschichte reden und streiten können, die ansonsten nicht zusammentreffen, und es sollte um einen umfassenden (…)(…) gang: Örtliche Heimatforscher sollten mit international renommierten Wissenschaftlern ebenso ins Gespräch kommen wie Regisseure mit Verfolgten und Gegnern des Nationalsozialismus. Etwa alle zwei Jahre würde damit die Stadt Braunau ein Forum für die gemeinsame Aufarbeitung unserer jüngsten Geschichte bieten. Wie gesagt, am Anfang sollte die Beschäftigung mit Hitlers Geburtshaus stehen. Was machen wir damit? Die Braunauer sind sicherlich mit der Beantwortung dieser Frage überfordert und sollten sie weitergeben. Deshalb auch dieser konkrete Vorschlag an den Bürgermeister: Schreiben sie einen internationalen Ideenwettbewerb für die Gestaltung des Hitler-Geburtshauses aus. Daß sich die Eigentümerin des Hauses dagegen sträubt, kann uns doch nicht darran hindern, Experten (Historiker, Politikwissenschafter, Architekten, Museumspädagogen u.a.) und Betroffene (ehemalige KZ-Häftlinge, Widerstandskämpfer, Nachkommen von Opfern, jüdische Organisationen u.a.) um ihre Stellungnahme zu bitten. Es ist ja wirklich nicht leicht zu sagen, was nun mit „diesem“ Haus geschehen soll! Fragen wir doch die Österreichische Lagergemeinschaft Auschwitz, die Israelitische Kultusgemeinde in Wien, den World Jewish Congress, aber von mir aus auch den Österreichischen Kameradschaftsbund und andere Soldatenvereinigungen. Schließlich hat Hitler und der Nationalsozialismus Millionen von ihnen in den Tod geschickt. In diesen Tagen steht Braunau im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der – es ist keine Übertreibung – Weltöffentlichkeit. Hunderte von Journalisten wollen sich an Ort und Stelle ein Bild von der „Vergangenheitsbewältigung“ der „Hitler-Stadt“ machen. Die Ausschreibung eines derartigen Ideenwettbewerbs würde sie mit in die Verantwortung nehmen. Braunau darf seine Verantwortung nicht abwälzen, sollte sie jedoch mit anderen teilen.

Diese Stellungnahme kann nicht alle Aspekte abdecken. Alleine die Verwendung eines Granitsteines aus dem Steinbruch des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen ist kritisierbar. Ohne mich als Richter aufspielen zu wollen, halte ich das Ganze für geschmacklos. Es erinnert zu sehr an die Ausstellung einer Relique. Wenn ich Angehörige in Mauthausen (…)

Andreas Maislinger
https://en.wikipedia.org/wiki/Andreas_Maislinger
Braunauer Rundschau
https://de.wikipedia.org/wiki/Braunauer_Rundschau

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