Was tun mit dem „Hitler-Haus“?

"Braunau gilt für viele Menschen als Geburtsort des Bösen", schreibt der österreichische Politikwissenschaftler Andreas Maislinger in einem Gastbeitrag: Er plädiert dafür, ein historisches Zeichen zu setzen und das Geburtshaus Adolf Hitlers in ein "Haus der Verantwortung" zu verwandeln.

hitler-scienceorf

Das „House of Responsibility“ in Braunau am Inn

Adolf Hitler wurde vor etwas mehr als 125 Jahren am 20. April 1889 in Braunau am Inn im Gasthaus von Franz und Helene Dafner in der Salzburger Vorstadt 15 geboren. Und obwohl seine Eltern kurz nach seiner Geburt von Braunau am Inn wegzogen und Hitler später kein besonderes Interesse an seiner Geburtsstadt zeigte, hat die Innviertler Kleinstadt das Stigma, Geburtsort eines der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte zu sein.

Nach dem Auszug der Lebenshilfe steht das Haus seit drei Jahren leer und über die weitere Verwendung herrscht große Ratlosigkeit. Immer wieder wird in den Medien von den Verantwortlichen der Stadt Braunau am Inn eine Klärung in Aussicht gestellt und immer wieder wird diese hinausgeschoben.

Seit Jahren ist etwa davon die Rede, dass sich Volkshochschule und Volkshilfe das Geburtshaus teilen werden, gleichzeitig hört man jedoch aus Braunau am Inn, dass die Volkshilfe das „Hitler-Haus“ (wie es umgangssprachlich genannt wird) nicht mehr nutzen möchte. Dies wird vom Geschäftsführer der Volkshilfe Oberösterreich bestätigt, von der Stadt Braunau am Inn kommen aber weiter nur Ankündigungen, die später nicht eingehalten werden können.

Initiative im Jahr 2000

Dabei hatte die Stadt Braunau am Inn vor 14 Jahren mit der Initiative „Braunau setzt ein Zeichen“ alle überrascht. Angeregt vom damaligen Chefredakteur der Braunauer Rundschau, Reinhold Klika, hatten am 7. Februar 2000 der Braunauer Bürgermeister Gerhard Skiba, der Obmann des Vereins für Zeitgeschichte, Florian Kotanko, und die Obmänner aller im Gemeinderat vertretenen Parteien SPÖ, FPÖ, FMU (später Grüne) und ÖVP einen bemerkenswerten Aufruf unterschrieben.

Drei Tage nach Angelobung der umstrittenen ÖVP-FPÖ-Regierung von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und der in Braunau am Inn geborenen Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer hatte die Stadt Braunau am Inn einstimmig erklärt, nach dem Auszug der Lebenshilfe das Geburtshaus von Adolf Hitler zu einer „internationalen Stätte der Begegnung und Versöhnung“ zu machen.

adolf-hitler-haus-gewoehnlich

Nachdem dieser Aufruf weltweit positive Aufmerksamkeit erregte und es Reinhold Klika gelang, weit über tausend weitere Unterstützungserklärungen zu erhalten, war es über mehr als ein Jahrzehnt für alle klar, dass von der Stadt Braunau am Inn nach der Errichtung des Mahnsteines durch Bürgermeister Gerhard Skiba 1989, der Gründung der Braunauer Zeitgeschichte-Tage 1992, der Verlegung der Stolpersteine durch Gunter Demnig 2006 und der Eröffnung des Jägerstätter-Parkes 2007 mit dem Haus der Verantwortung ein weiteres, sogar noch stärkeres Zeichen gesetzt werden sollte.

Vom Ziel abgekommen

Bis dann vor zwei Jahren ohne Begründung alles anders kam. Der neue ÖVP-Bürgermeister Johannes Waidbacher wollte plötzlich im „Hitler-Haus“ Wohnungen einrichten und nach heftigem Widerspruch von den Grünen und der SPÖ waren sich dann plötzlich fast alle einig, dass für das „Haus der Verantwortung“ jetzt nicht mehr die richtige Zeit wäre.

Friedrich Schmid, im Jahr 2000 Fraktionsobmann „Forum Mensch und Umwelt“ (FMU, heute Grüne) meint im April 2014: „Ich finde gut, wenn die Nutzung umgesetzt wird mit Volkshilfe und Volkshochschule. `Haus der Verantwortung` kann man ja aufs Haus malen. In den 14 Jahren hat sich vieles verändert, damals war politisch ein günstiger Zeitpunkt für die Kampagne, weil die schwarz-blaue Regierung gerade entstanden ist. Dann wurde die Diskussion verschleppt und ist erst wieder aufgeflammt, als die Lebenshilfe ausgezogen ist.“

Aber es ist natürlich genau umgekehrt: Durch die Sanktionen der damals 14 EU-Mitgliedsländer hätte die Republik Österreich das Projekt Haus der Verantwortung damals nicht glaubhaft realisieren können. Die etwas später auch von Tschechien, Kanada, Israel und Norwegen mitgetragenen Maßnahmen gegen Österreich wurden durch Befürchtungen ausgelöst, dass fremdenfeindliche und rassistische Aussagen führender FPÖ-Proponenten auf die Regierungspolitik abfärben könnten.

Die Sanktionen wurden zwar im September 2000 nach dem Bericht des von Martti Ahtisaari geleiteten Weisenrates zurückgenommen, mit einer weltweiten Akzeptanz des auch von der Braunauer FPÖ unterstützten Projektes war jedoch sicher nicht zu rechnen. Außerdem war noch nicht absehbar, wann die Lebenshilfe tatsächlich aus dem „Hitler-Haus“ ausziehen wird.

Geburtsort des Bösen

Ganz anders stellt sich die Lage seit dem Jahr 2011 dar. Das Geburtshaus von Adolf Hitler steht leer, und der neue junge Bürgermeister Johannes Waidbacher will mehr Offenheit in die Stadt bringen. Ohne sich auf verzwickte Diskussionen einzulassen, ob nun die Ehrenbürgerschaft von Adolf Hitler nach seinem Tod ohnehin erloschen sei oder nicht, trat Waidbacher entschlossen für die Aberkennung ein.

Der ÖVP-Bürgermeister erhielt dafür sogar von der linken Antifa Anerkennung. Aber warum überhaupt diese Aufregung um „das Haus“ und die Stadt Braunau am Inn? Es handelt sich nicht um einen der Täterorte wie den Obersalzberg, das Braune Haus in München oder das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.

Braunau am Inn ist auch kein Opferort wie Mauthausen, Hartheim, Dachau oder Auschwitz. Im Geburtshaus von Adolf Hitler haben die Nationalsozialisten weder Verbrechen geplant noch vollzogen. Braunau als Geburtsort des Jahrhundertverbrechers Adolf Hitler gilt für viele Menschen jedoch als Geburtsort des Bösen.
Und genau das ist das besondere Problem, für dessen Bewältigung es im Gegensatz zu den Opfer- und Täterorten noch kein Modell gibt.

„… ein Unort, den man nicht betreten möchte“

Was macht man mit einem Haus in einer Kleinstadt, in dem es weniger um die Aufarbeitung von Verbrechen und das Erinnern an unfassbares Leid, sondern um den Umgang mit einem Mythos geht? Dem Mythos, dass genau an dieser Stelle vor 125 Jahren das Böse auf die Welt gekommen ist? Eine von Lothar Bodingbauer angeregte Umfrage hat mir seit Oktober des vergangenen Jahres genau diesen Eindruck bestätigt: Braunau am Inn wird nicht nur mit den erwähnten Opfer- und Täterorten genannt, es wird irgendwie als noch verwerflicher betrachtet.

Ich wollte es lange nicht glauben und habe mich heftig dagegen verwehrt, diese Annahme zu akzeptieren, aber Braunau am Inn ist tatsächlich für viele Menschen ein Unort, den man nicht betreten möchte. Wenn auch oft übertrieben dargestellt, hat das Hitler-Geburtshaus natürlich auch für Neonazis eine magische Bedeutung. Der Gründer von exit Deutschland, Bernd Wagner, hat dies in Gesprächen mit ehemaligen Neonazis bestätigt bekommen.

Wider die Nazi-Folklore

Die Neonazi-Aussteiger haben aber auch klar gemacht, was mit dem „Hitler-Haus“ gemacht werden muss, damit es diese magische Aufladung verliert: Es muss klar definiert werden! Und genau hier setzt das Projekt „Haus der Verantwortung“ an. Mit dem Prinzip Verantwortung des jüdischen Philosophen Hans Jonas findet eine Art „Umpolung“ des „Hitler-Hauses“ statt. Adolf Hitler hat viele Millionen Menschenleben vernichtet, Hans Jonas geht es um die Bewahrung menschlichen Lebens für zukünftige Generationen. Und da es um die Zukunft geht, sollte das Haus der Verantwortung vor allem jungen Menschen aus aller Welt überlassen werden.

Auf den drei Ebenen Erdgeschoss, erster und zweiter Stock sollten sie die Möglichkeit erhalten, sich Gedanken über ihre Verantwortung gegenüber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu machen. Um zu verdeutlichen, wie das konkret gemeint ist: Seit 1992 gibt es für zivildienstpflichtige Österreicher die Möglichkeit, einen Auslandsdienst zu leisten. Der Verein Österreichischer Auslandsdienst entsendet jährlich etwa 25 Gedenk-, Sozial- und Friedensdiener nach Süd-, Mittel- und Nordamerika, Europa, Asien, Australien und Afrika.

Nachdem also die Republik Österreich seit 22 Jahren Auslandsdiener weltweit entsendet, würden unsere Einsatzstellen umgekehrt jungen Menschen aus ihrem Umfeld einen Aufenthalt im House of Responsibility (HRB) in Österreich ermöglichen. Die Auswahl der HRB-Freiwilligen würde in Absprache mit dem jeweiligen Gedenk-, Sozial- und Friedensdiener erfolgen.

Angebot eines Oscarpreisträgers

Ein Beispiel: Hätte Bürgermeister Johannes Waidbacher im September 2011 das Angebot von Oscarpreisträger Branko Lustig, sich an der HRB-Finanzierung zu beteiligen, angenommen und wäre das zuständige Innenministerium sofort darauf eingestiegen, hätte der aus Braunau am Inn stammende Gedenkdiener Tobias Aigner bereits ein Jahr später in Absprache mit seiner Einsatzstelle American Jewish Committee in New York den ersten HRB-Mitarbeiter auswählen können. Neben dem jeweiligen Auslandsdiener sollte der zukünftige ausländische HRB-Mitarbeiter natürlich auch einen Paten in Braunau am Inn haben.

Aus meiner Sicht wären daher neben den weltweiten Auslandsdienst-Einsatzstellen die Braunauer Schulen unsere wichtigsten Partner. Soweit das Grundkonzept, jetzt kommt es darauf an, dass endlich breit und offen darüber diskutiert wird. Die vor zwei Monaten gestartete Facebookseite „Idea for a House of Responsibility in Braunau am Inn“ bietet eine Möglichkeit dafür.

andreas-maislinger

Zur Person

Andreas Maislinger hat 1992 den österreichischen Gedenkdienst gegründet, ist Vorsitzender des Österreichischen Auslandsdienstes und war wissenschaftlicher Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage.

Andreas Maislinger
https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Maislinger
SCIENCE.ORF.at
http://sciencev2.orf.at/stories/1743234/

Leave a Reply

Your email address will not be published.