Wenn das der Führer wüsste…

Es gab viele verrückte Ideen, was Braunau am Inn mit Hitlers Geburtshaus tun sollte. Seit Monaten streitet sich die Stadt mit der Besitzerin um eine angemessene Nutzung.

Das Haus ist heruntergekommen. Seit drei Jahren steht es leer, die Ockerfarbe ist schmutzig, ringsherum zieht sich eine Girlande von Schimmel wie ein schwarz-silberner Trauerflor. Die Tür ist verrammelt, die Fenster sind blind, und wie es im Innern aussieht, bleibt der Fantasie überlassen. Kalt, finster, muffig wohl. Wenn das der Führer wüsste …

Der satirische Spruch, mit dem damals, zu Nazizeiten, die nicht so Linientreuen scherzten, drängt sich öfters auf bei dem, der in diesen Tagen in Braunau am Inn dem Schicksal des berühmtesten Hauses der Stadt nachgeht. In dem der berühmteste Sohn der Stadt am 20. April 1889 zur Welt kam, der, den man am liebsten irgendwie verloren hätte, mit dem umzugehen man aber nach und nach lernte, weil man es muss, bis in alle Ewigkeit: Adolf Hitler. Eine Bürde für die Stadt, bekannt, berüchtigt rund um die Welt als Hitlers Geburtsort. Wo immer ein Braunauer hinfährt, ob nach Hamburg oder Hongkong, er wird auf Hitler angesprochen. Und nun gibt es auch noch Streit um sein Geburtshaus, um dessen angemessene Nutzung, der die Stadt in die Schlagzeilen bringt.

Vielleicht 2000 Backstein-Tonnen schwer steht es im Zentrum des österreichischen Grenzortes, Salzburger Vorstadt Nr. 15, Ecke Schmiedegasse. Unverrückbar, unter Denkmalschutz seit 1938. Eigentlich ein gutbürgerliches Anwesen mit 800 Quadratmeter Nutzfläche, irgendwann im 15. oder 16. Jahrhundert errichtet, wie alle Häuser hier in dem schmucken oberösterreichischen Städtchen. Leerstand seit drei Jahren. Vorher war darin eine Behindertenwerkstatt untergebracht, früher war es längere Zeit ein würdiger Gasthof, mal ein Wohnhaus, mal eine Bank. Irgendwann auch eine „Volksbücherei“, wie etwas verblasst noch immer an der Außenwand steht, rechts neben dem Geschmeide über der Eingangstür. In dessen Mitte prangen die Initialen „MB“. Da habe sich Martin Bormann verewigt, sagt man.

Bormann, der enge Vertraute Hitlers, hatte 1938, unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs, die Besitzer, eine Familie Pommer, zum Verkauf des Hauses genötigt, um ein nationalsozialistisches Kulturzentrum darin unterzubringen. Er zahlte den stolzen Preis von 150.000 Reichsmark, steckte ähnlich viel in die Sanierung. 1954 ging es für 150.000 Schilling (25.000 Mark) an die ursprünglichen Besitzer zurück. Heute gehört es Gerlinde Pommer. Doch die Erbin macht sich rar, blockiert bislang alle Bemühungen der Stadtverwaltung und der Bundesregierung in Wien, die das Haus gemietet hat, aus dem Anwesen einen Gedenkort zu machen, „Haus der Verständigung“ soll es wohl heißen oder so ähnlich, konkret sind die Pläne noch nicht. „Leider sind wir wieder abgeblitzt“, sagt Bürgermeister Johannes Waidbacher.

Eine Nutzung als Museum oder Mahnstätte haben die Pommers im Mietvertrag von 1972 ausgeschlossen, „keine Nutzung im zeithistorischen Kontext“. Aber warum? Aus der damaligen Befürchtung, es könnte ein Hitler-Museum, eine Pilgerstätte entstehen? Keiner weiß es. Pommer sagt nichts.

Die Errichtung einer Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus am Haus ließ Pommer verbieten, auch gegen den Mahnstein für Frieden, der auf dem Bürgersteig steht, war sie, musste ihn aber dulden. Der Untermieter, eine Behindertenwerkstatt, zog aus, weil die Besitzerin den behindertengerechten Umbau verweigerte. Den Hauptmieter zu verlieren, muss Pommer nicht befürchten. Die Regierung in Wien zahlt lieber weiter 4880 Euro Miete, trotz Leerstand, weil sie alles dran setzen will, dass das Haus nicht in falsche Hände gerät. Aus Angst vor Pilgertourismus, „vor den Ewiggestrigen“, wie Bürgermeister Hannes Waidbacher sagt. Wer weiß, was manch einer zu zahlen bereit wäre für eine Nacht in Hitlers Geburtszimmer, dort oben im zweiten Stock – ein One-Night-Stand mit dem Bösen. Schwere Fenstergitter verhindern, dass einer schon heute, zu später Stunde und ganz spontan, so eine Idee umsetzt. Aber sind es wirklich vor allem jene Ewiggestrigen, die der Name Hitler nach Braunau lockt?

Einheimische erzählen, dass sie immer wieder von Suchenden angesprochen werden. Wenigstens auf den ersten Blick sind es keine Nazis, eher vom Grusel gepackte Normalbürger und meistens verdruckst. Wer will schon die Peinlichkeit eingestehen, zu Hitler zu wollen, womöglich nur seinetwegen hergekommen zu sein? „Es fällt schon auf, eigentlich ist es nie die erste Frage, die nach dem Geburtshaus“, sagt die Dame in der Touristeninformation, „aber die zweite dann eben schon.“ Auch dass viele sich rechtfertigen, verschämt: „Auf einmal geben sich alle hier als Geschichtslehrer aus, zufällig würden sie gerade die Nazizeit durchgehen.“ Und dann die Blöße, vor dem Haus zu stehen, es anzustarren, noch per Fingerzeig das Zimmer zu suchen, peinlich. „Viele gehen lieber drei- oder viermal vorbei, statt länger zu verweilen“, hat man aus dem Laden gegenüber beobachtet, „immer hin und her.“ Einige vermuten, der Betreiber der Bratwurstbude, die bis vor einiger Zeit vor dem Haus stand, habe genau darin eine Geschäftsidee erkannt. Jedenfalls nahm er vielen Touristen die Last der Peinlichkeit beim Hitler-Haus-Spotting, wenn er den einen oder anderen Imbiss zu Tarnungszwecken an den Mann brachte.

Die Bratwurstbude ist verschwunden. Das Hitler-Haus bleibt. Und die Touristen kommen weiterhin. Ein paar Häuser weiter, die Auslagen im Schaufenster des Buchladens: „Der Schüler Adolf Hitler“, „Im Heimatkreis des Führers“. Auch der Roman, „Niemand ist in Braunau geboren“, mit dem der Autor seine Geburt in der Hitler-Stadt verarbeitet hat. Im Buchladen selbst steht das einschlägige Regal etwas weiter hinten, zum unauffälligen Stöbern. Die Literatur ist unverfänglich, wahrscheinlich auch die DVD mit dem Titel „Kriegsverbrechen der Alliierten“. Ab und zu allerdings käme auch jemand, der „Mein Kampf“ kaufen wolle, sagt die Buchhändlerin, „aber das haben wir natürlich nicht“.

Passt das alles zur Devise von Bürgermeister Waidbacher: „Keine touristische Nutzung der Vergangenheit, das ist aufs Schärfste zu verurteilen“? Doch auch die Gegenfrage liegt auf der Hand: Ist das überhaupt zu verhindern? Soll man den Besuchern sagen, kauft eure Hitler-Bücher in Linz oder Passau, aber bitte nicht bei uns, keine Hotelzimmer an Geburtshaus-Pilger? Einen ähnlichen Versuch gab es, aber die Gerichte gestatten Braunau keine Ausnahme. Als die Stadt den Laden der Kette Thor Steinar, in dem Neonazis gern ihre Klamotten kaufen, aus dem Ort klagen wollte, fanden sie bei den Richtern kein Verständnis. Manche fechten ihren eigenen kleinen Antifaschismus aus, indem sie Touristen, die nach dem Haus fragen, absichtlich in die Irre schicken. Der Besitzer eines Tabakwarenladens bekennt, er habe das früher getan, natürlich nur, wenn er gedacht habe, es seien Rechte. Erst seit der Mahnstein steht, schickt er alle zur korrekten Adresse. „Hausnummer 15, da steht der Stein“ sagt er immer, „das Haus dahinter ist nicht so wichtig.“

„Es ist für uns eine Gratwanderung“, sagt Waidbacher. Das war der Umgang mit Hitler für Braunau schon immer. Hitler selbst hat, noch ganz zum Schluss, der Stadt einen Dienst erwiesen. Sein Selbstmord nahm den Scharfmachern die Lust, die Stadt bis zum Letzten zu verteidigen. Sie wäre in Schutt und Asche gelegt worden. Dabei hätte mancher im Nachhinein dem Trupp vernagelter Nazis mehr Fortune gewünscht, als die Ende April 1945 das Haus in die Luft sprengen wollten, damit es nicht dem Feind in die Hände fiel. Man hielt sie zurück. Hätten sie ihr Ziel erreicht, wäre Braunau heute seine Bürde los. Ausgerechnet ein russischer Duma-Abgeordneter wollte kürzlich das Vorhaben vollenden und das Anwesen kaufen, um es abzureißen. Wahlkampfklamauk. Er ließ davon ab, hätte auch keine Chance gehabt. Das Haus steht unter Denkmalschutz, seit Martin Bormann. Wie der gesamte Stadtkern. Sprengen ist verboten.

Hitler hätte vielleicht nicht einmal Einwände gehabt, er konnte mit dem Haus nichts anfangen. Gleich nach seiner Machtergreifung 1933 verbot er jegliche Erforschung seiner Herkunft, und unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs 1938 ließ er alle Dokumente seiner Jugend tilgen. Unschickliche Verhältnisse der Vorfahren und seine miserablen Schulleistungen wurden Staatsgeheimnis. Viel Erinnerung an die Stadt hatte er sowieso nicht. Familie Hitler lebte nur drei Jahre in Braunau und – was fast keiner weiß – in dem Haus selbst sogar nur wenige Monate. Noch in seinem ersten Lebensjahr zog man um in die Linzerstraße. Nur ein paar Wochen Kindergeschrei – für die Stadt eine Ewigkeit.

Der FPÖ-Abgeordnete im Gemeinderat, Christian Schilcher, will jetzt das Ganze durch neues Geschrei übertönen: Hitlers Geburtshaus soll zu einem modernen Geburtshaus für die Allgemeinheit umgebaut werden. „Hitler hat gemordet, und in seinem Geburtshaus entsteht neues Leben“, lautet seine schräge Idee, die Geschichte zu wenden. Er steht damit allein. „Nicht ernst nehmen“, will das der SPÖ-Vertreter im Parlament, „wer will da drin bitte sein Kind gebären?“ Eine gute Frage.

Auch Bürgermeister Waidbacher hat sich vor Jahren einmal zu weit vorgewagt. Ein einfaches Wohnhaus wollte er im Hitler-Haus einrichten. Er vertrete das nicht weiter, stand dann in den Zeitungen, so viel Normalität an diesem Ort sei wohl eine ganz üble Idee, das habe er schnell gelernt, hieß es. „Man hat mich damals missverstanden“, sagt er heute. Gut gemeinte Normalität für die einen ist üble Verdrängung für die anderen.

Im Kurzabriss der Stadtgeschichte ist das Geburtsdatum Hitlers gar nicht erst erwähnt, die Errichtung des Mahnsteins gegen den Krieg vor dem Hitler-Haus dagegen schon. Im April 1989 war das, kurz vor dem 100. Geburtstag, um ungebetene Gäste fernzuhalten. Der Stein scheint zu wirken. Davor gab es ab und zu verdächtige Ansammlungen vor dem Haus, auch Ansätze von Aufmärschen. Das war früher, heißt es allenthalben, heute nicht mehr. Damals verkauften die Läden auch noch Hitler-Devotionalien, Aschenbecher, Bierkrüge, Postkarten. Der Bürgermeister Gerhard Skiba war es 1989, der dem Spuk dann ein Ende bereitete.

Natürlich, es gibt sie noch, die Hartnäckigen, wie den älteren Besitzer eines der herrschaftlichen Hotels am Stadtplatz, der das alles nicht verstehen will, der sagt, „damals, vor dem Krieg, da haben wenigstens alle Arbeit gehabt und der Stalin hat doch genauso viele ermordet“. Aber Braunau denkt anders, will zur Vergangenheit stehen, möglichst bald auch im Hitler-Haus. Nur wie, wenn man keinen Zugriff aufs Haus hat?

Im Innenministerium hatte man gehofft, von Gerlinde Pommer bis Ende Januar endlich eine Antwort auf ein Kaufangebot zu erhalten – bislang vergeblich, heißt es in Wien. Vorsorglich, sagt ein Sprecher des Ministeriums, lasse man vom Verfassungsdienst prüfen, ob die Enteignung möglich wäre. Experten bezweifeln, dass allein das öffentliche Bedürfnis nach einem Gedenkort ausreicht, um das zu rechtfertigen. Pikant wäre es obendrein: Das letzte Mal war es der Nazi Martin Bormann, der 1938 die Familie mit der Androhung der Enteignung zum Verkauf zwang. Soll das jetzt wiederholt werden? Selbst wenn die Pommers heute wie damals nur pokern sollten, um noch einen besseren Preis herauszuschlagen, die Parallelität wäre frappant.

Ulli Kulke
https://de.wikipedia.org/wiki/Ulli_Kulke
WELT am SONNTAG
http://www.welt.de/print/wams/vermischtes/article137223912/Wenn-das-der-Fuehrer-wuesste.html

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