Wer zieht ein im „Hitler-Haus“?

Nur der Mahnstein verweist auf das Geburtshaus Hitlers. In dem Gebäude betreuen Rudolf Rembart und seine Kollegen Behinderte, die hier tagsüber in der Werkstatt arbeiten. Die Mieter in Hitlers Geburtshaus wollen nach über 30 Jahren ausziehen. Jetzt diskutiert Braunau darüber, ob das Gebäude in eine Begegnungsstätte mit Ausstellung zur NS-Vergangenheit umgewandelt werden soll.

Im Eckhaus „Salzburger Vorstadt 15“ wird Holzspielzeug verkauft. Außerdem handbemalte Seidentücher, kleine Bildchen, Taschen und Tongefäße. Die Waren stammen aus der Werkstatt des Vereins „Lebenshilfe“ , der das Erdgeschoss und die 1. Etage des alten Braunauer Stadthauses angemietet hat. 13 geistig Behinderte kommen jeden Tag zum Arbeiten hierher. Das Haus selbst erzählt nichts über seine beklemmende Vergangenheit, oder besser: das eine Ereignis in seiner Geschichte. Ein Mahnstein in der Nähe des Hauses lässt aufmerken, aber auch er verrät nicht: In diesem Haus ist vor 120 Jahren, am 20. April 1889, Adolf Hitler zur Welt gekommen. Seitdem hat das kleine österreichische Städtchen, nur durch den Inn von Deutschland getrennt, mit seinem „unerwünschten Erbe“ zu kämpfen.

Bürgermeister: Staat soll das Haus kaufen

Das Haus war alles mögliche. Wirtshaus, Galerie, Bank, Schule, Behindertenwerkstatt – nur eines nicht: Eine Stätte, die sich als Geburtsort des schlimmsten Diktators unserer Tage zu erkennen gegeben hätte. Das könnte sich bald ändern, denn die „Lebenshilfe“ will in modernere Räume ausweichen. Wer also zieht nun ein im „Hitler-Haus“?

Bürgermeister Gerhard Skiba von der SPÖ hat in einem Gespräch mit dem österreichischen Autor und Journalisten Georg Markus für den „Kurier“ die Diskussion eröffnet. Er wünscht sich, dass sich Braunau „seiner Geschichte stellt und die Gräuel der Nazis in diesem Haus aufgezeigt werden“. Was er ausdrücklich nicht will: ein Museum. Es soll einen anderen Namen bekommen, „weil die Gefahr besteht, dass das Haus dann in aller Welt als Hitler-Museum bezeichnet wird“, warnt Skiba. Ihm schwebt ein „Haus des Friedens“ oder ein „Haus der Verantwortung“ vor. Neben Ausstellungen und einer Dokumentation der NS-Vergangenheit könnten dort auch soziale Projekte verwirklicht werden. Zunächst will er jedoch „über alle Ideen diskutieren“. Außerdem muss das Haus überhaupt erst vom Staat gekauft werden, doch hier ist bisher noch nichts entschieden, erklärt Skiba der PNP. Das Haus befindet sich im Privatbesitz von Gerlinde Pommer, und die hat dem Verkauf bisher nicht zugestimmt.

Andreas Maislinger und Florian Kotanko sind sehr angetan von der Initiative des Bürgermeisters. Die beiden bemühen sich mit den „Braunauer Zeitgeschichte-Tagen“ seit Jahren um den bewussten Umgang mit Geschichte. Auch Kotanko, Braunauer Gymnasialdirektor und Historiker, und der Innsbrucker Politikwissenschaftler Maislinger wollen über eine reine Dokumentation der Vergangenheit hinausgehen. Kotanko schlägt eine Dreiteilung des 500 Quadratmeter großen Hauses vor: Im Erdgeschoss des Gebäudes könne die Zeit Hitlers thematisiert werden – die Vergangenheit – im ersten Stockwerk könnten soziale Projekte angesiedelt werden – die Gegenwart – und im zweiten Stock könnte im Rahmen von grenzüberschreitenden Veranstaltungen über eine friedlichere Zukunft diskutiert werden, erläutert Kotanko gegenüber der PNP.

Die Grundlage für dieses Konzept stammt von Andreas Maislinger. Er engagiert sich seit Jahren dafür, ein solches „Haus der Verantwortung“ einzurichten – wenn möglich in Hitlers Geburtshaus. Für den Bereich Dokumentation schlägt er eine Ausstellung über das Wirken der US-Militärverwaltung nach dem Krieg vor (die PNP berichtete). Bei diesem Projekt arbeitet er mit der heute in den USA lebenden Passauerin Anna Rosmus zusammen, die sich seit Jahren mit der NS-Vergangenheit der Region beschäftigt – zeitweise gegen große Widerstände.

Und noch eine zusätzliche Nutzungsmöglichkeit fällt Maislinger ein: 1992 gründete der Politikwissenschaftler den „Österreichischen Auslandsdienst“ – eine Organisation, die Zivildienstleistende in Projekte für Gedenkdienst, Sozialdienst und Friedensdienst in aller Welt entsendet. Und er könnte sich vorstellen, die Zentrale des „Auslandsdienstes“ ins Braunauer „Hitler-Haus“ zu verlegen. „Hier würden dann junge Menschen aus der ganzen Welt an gemeinsamen Projekten und für die Völkerverständigung arbeiten“, schwärmt Maislinger gegenüber der PNP.

Im Haus ist nichts mehr wie früher

Im Haus selber erinnert nichts an die Zeit zu Hitlers Geburt. Mehrmals wurde umgebaut, erzählt Heinrich Huemer, Leiter der Braunauer Behindertenwerkstätten. Nicht einmal, wo genau das Geburtszimmer Hitlers lag – im ersten Stock soll es gewesen sein – lässt sich genau bestimmen. Das müssen Huemer und sein Mitarbeiter Rudolf Rembart, der sich um den Laden und die Betreuung der Behinderten kümmert, immer wieder den Touristen erklären, die sich für das „Hitler-Haus“ interessieren. Von braunem Spuk kann Huemer kaum etwas erzählen: Bis auf kleinere Aufmärsche zu Hitlers Geburts- und Todestag, passierte wenig.

In „Mein Kampf“ sprach der „Führer“ zwar pathetisch von seinem Heimatort und nennt es „glückliche Bestimmung, dass das Schicksal mir Braunau zum Geburtsort zuwies“, weil „dieses Städtchen an der Grenze jener zweier deutscher Staaten liegt, deren Wiedervereinigung uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint“. In Joachims Fests Standardwerk zu Hitler heißt es dagegen lapidar: „Für die Entwicklung Adolfs blieb die kleine Grenzstadt bedeutungslos.“ Als der Junge drei Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Passau, kurz darauf nach Linz.

Dass der Geburtsort des Diktators für die Nachwelt sehr wohl von Bedeutung ist, zeigt allein eine kleine Anekdote vom April 1989, kurz vor Hitlers Geburtstag also: Damals wollte der Braunauer Gemeinderat an dem Haus eine Tafel zum Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs anbringen, doch das Vorhaben scheiterte am Widerstand der Besitzerin, die Anschläge fürchtete. Daraufhin ließ Bürgermeister Skiba vor dem Gebäude – auf öffentlichem Grund – einen Mahnstein errichten.

Für Maislinger, den Verfechter des „Hauses der Verantwortung“, ist es übrigens kein Problem, wenn sich das Gebäude erst jetzt, nach so langer Zeit, zu seiner Vergangenheit „bekennt“: „Als Schule und Behindertenwerkstatt ist das Haus doch bisher ausgezeichnet genutzt worden.“ Würden die jetzigen Mieter nicht von sich aus umziehen, hätte er sie nie und nimmer drängen wollen.

Laurent Martinez
Passauer Neue Presse
http://www.pnp.de/

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